

Pendragon Castle
die Burg von König Artus ?
Mitten in England.
Irgendwo zwischen grünen Hügeln, Schafen und ziemlich viel Nichts..
stand plötzlich eine alte Burgruine vor mir.
Und davor stand ein Schaf.
Das Schaf schaute mich an.
Ich schaute das Schaf an.
Ich glaube, wir waren beide nicht ganz sicher, wer hier eigentlich zu Besuch war.
Hinter ihm ragten die alten Mauern von Pendragon Castle in den Himmel.
Und dann sagte Papa etwas, bei dem ich natürlich sofort aufgepasst habe:
„Ragnar.. der Sage nach hat diese Burg etwas mit König Artus zu tun.“
Jetzt hatte ich Fragen.
Sehr viele Fragen.
Denn schon der Name klingt eigentlich nach einer richtigen Abenteuerburg.
Pendragon.
So hieß Uther Pendragon, der sagenhafte Vater von König Artus.
Und tatsächlich erzählt eine alte Legende, dass Uther hier seine Burg errichtet haben soll.
Natürlich wollte ich sofort wissen:
„Hat König Artus dann hier gewohnt?“
Papa musste mich leider enttäuschen.
Wahrscheinlich nicht.
Denn die Burg, deren Mauern heute noch hier stehen, entstand erst im 12. Jahrhundert – also viele hundert Jahre nach der Zeit, in der ein möglicher historischer Artus gelebt haben könnte.
Aber dann wurde es trotzdem spannend.
Denn unter der mittelalterlichen Burg wurden Hinweise gefunden, dass dieser Platz schon wesentlich früher genutzt wurde.
Ganz ausschließen lässt sich also nicht, dass Menschen hier schon lange vor der heutigen Burg lebten.
Nur einen Beweis für König Artus gibt es nicht.
Also ist das eine von diesen Geschichten, bei denen Papa immer sagt:
„Wir wissen es einfach nicht.“
Und ich finde..
manchmal ist das sogar besser.
Vielleicht stand Uther Pendragon hier.
Vielleicht nicht.
Aber wenn man vor diesen Mauern steht und über die einsamen Hügel schaut, kann man sich ziemlich gut vorstellen, warum die Menschen irgendwann angefangen haben, solche Geschichten zu erzählen.
Die wirkliche Burg entstand wahrscheinlich im 12. Jahrhundert.
Einer ihrer frühen Besitzer war Ranulph de Meschines.
Später gehörte Pendragon Castle unter anderem der mächtigen Familie Clifford.
Und die hatten hier keine kleine Hütte gebaut.
Die Burg besaß einen mächtigen steinernen Wohnturm.
Genau dessen riesige Mauern stehen heute noch vor uns.
Früher gab es darin mehrere Stockwerke.
Zimmer.
Kamine.
Fenster.
Menschen liefen über Holzböden, die heute längst verschwunden sind.
Wenn man jetzt hineinschaut, sieht man nur noch Himmel.
Ich mag das.
Man muss die fehlenden Teile einfach selbst wieder in den Kopf bauen.
Und Pendragon Castle hatte noch ein Problem.
Ein ziemlich nasses.
Direkt neben der Burg fließt der River Eden.
Der Legende nach soll Uther Pendragon sogar versucht haben, den Fluss umzuleiten, um einen Wassergraben um seine Burg zu bekommen.
Hat wohl nicht funktioniert.
Dazu gibt es einen alten Spruch:
„Let Uther Pendragon do what he can, Eden will run where Eden ran.“
Papa hat mir erklärt, was das ungefähr bedeutet:
Uther Pendragon kann machen, was er will..
der Eden fließt trotzdem dort, wo er schon immer geflossen ist.
Das fand ich gut.
Nicht einmal ein König kann einem Fluss sagen, wo er langlaufen soll.
Die echte Geschichte der Burg wurde später ziemlich ungemütlich.
Pendragon Castle liegt nämlich in einer Gegend, in der es im Mittelalter immer wieder Kämpfe zwischen Engländern und Schotten gab.
Die Burg wurde mehrfach angegriffen und beschädigt.
Im Jahr 1341 erhielt Robert de Clifford die Erlaubnis, die Burg wieder aufzubauen.
Danach wurde sie wieder bewohnt.
Wieder beschädigt.
Wieder repariert.
Burgen hatten früher wirklich ein anstrengendes Leben.
Aber eine Frau gab Pendragon Castle noch einmal eine richtig große Zeit.
Lady Anne Clifford.
Sie erbte die Burg im 17. Jahrhundert und ließ sie ab 1660 umfangreich restaurieren.
Sie ließ Mauern und Gebäude reparieren und machte Pendragon noch einmal bewohnbar.
Lady Anne muss Burgen ziemlich gemocht haben.
Sie kümmerte sich gleich um mehrere alte Familiensitze in dieser Gegend.
Nach ihrem Tod 1676 begann Pendragon Castle aber endgültig zu verfallen.
Dächer verschwanden.
Holzböden verfaulten.
Mauern brachen zusammen.
Gras wuchs über die Steine.
Und irgendwann gehörten die Schafe wahrscheinlich zu den häufigsten Besuchern.
Was einiges erklärt.
Denn meines stand immer noch da.
Direkt vor der Burg.
Vielleicht war das gar kein normales Schaf.
Vielleicht war es die Burgwache.
„Papa.. müssen wir dem Eintritt bezahlen?“
Mussten wir nicht.
Also durfte ich weiter.
Und als ich zwischen diesen riesigen alten Mauern stand und nach oben schaute, musste ich wieder daran denken, wie anders dieser Ort früher ausgesehen haben muss.
Keine Ruine.
Keine leeren Fenster.
Kein Gras in den Zimmern.
Sondern eine richtige Burg.
Und irgendwo zwischen der echten Geschichte versteckt sich seit Jahrhunderten diese andere Geschichte.
Uther Pendragon.
König Artus.
Ritter der Tafelrunde.
Vielleicht stimmt davon hier überhaupt nichts.
Aber genau das mag ich an alten Burgen.
Irgendwann weiß niemand mehr ganz genau, wo Geschichte aufhört..
und wo eine Legende anfängt.
Ich weiß nur eine Sache ziemlich sicher:
Das Schaf war echt.
Ich hab’s gesehen.
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