

Horner Burg
Papa .. wo ist denn hier die Burg ?
Manchmal fahren Papa und ich zu einer Burg und schon von weitem sieht man einen riesigen Turm.
Oder Mauern.
Oder wenigstens ein paar Steine.
Hier war das irgendwie anders..
Wir liefen über einen Weg, neben uns Wasser, Bäume und ganz viel Wiese.
Ich habe mich umgeschaut.
Nochmal.
Und nochmal.
„Papa.. wo ist denn jetzt die Burg?“
Papa schaute mich an.
„Ragnar.. du stehst eigentlich schon drauf.“
Hä?!
Das soll eine Burg sein?
Hier steht doch gar keine Burg!
Also mussten wir erstmal herausfinden, was hier eigentlich los ist.
Und dann wurde es ziemlich spannend.
Denn die Horner Burg war keine Burg wie die Sporkenburg oder die anderen alten Ruinen, die wir schon entdeckt haben.
Sie war eine sogenannte Motte.
Ich dachte natürlich erstmal an dieses kleine Tier, das Löcher in Pullover frisst.
Aber Papa meinte, das wäre eine Turmhügelburg.
Okay.. klingt schon viel besser.
Bei solchen Burgen wurde ein großer Erdhügel aufgeschüttet und oben drauf stand wahrscheinlich ein befestigter Turm oder ein anderes Gebäude. Rundherum gab es einen Wall, Palisaden und einen Wassergraben.
Und genau dieser Hügel ist heute noch da.
Sogar ziemlich deutlich.
Wenn man mitten draufsteht, merkt man es nämlich kaum.
Aber Papa hatte die Drohne dabei.
Und von oben..
WOW.
Da konnte ich plötzlich die ganze Burg sehen!
Also.. eigentlich das, was von ihr übrig geblieben ist.
Mitten in der Landschaft liegt dieser große runde Burghügel und außen herum zieht sich noch immer der alte Graben. An manchen Stellen steht sogar heute noch Wasser darin.
Der Hügel ist ungefähr 4 bis 5 Meter hoch und der Graben außen herum war ungefähr 9 bis 12 Meter breit.
„Papa.. dann musste man früher erstmal durchs Wasser, wenn man die Burg angreifen wollte?“
„Genau.“
Das finde ich ziemlich schlau.
Ich hätte wahrscheinlich noch Krokodile reingesetzt.
Papa meinte aber, dass es im Hunsrück vermutlich keine Burgkrokodile gab.
Schade eigentlich.
Wie die Horner Burg früher genau ausgesehen hat, weiß heute niemand mehr.
Es gab dort bisher keine richtigen archäologischen Ausgrabungen.
Aber früher wurden in der Umgebung Keramikscherben und Hufeisen gefunden.
Außerdem soll es einen mit Eichenbohlen ausgekleideten Brunnen gegeben haben. Das spricht dafür, dass Menschen die Anlage tatsächlich längere Zeit genutzt haben.
Und vielleicht stand oben auf dem Hügel einmal ein richtiger Turm.
Vielleicht aus Holz.
Vielleicht standen dort noch andere Gebäude.
Ich versuchte mir vorzustellen, wie hier vor vielen hundert Jahren jemand über eine Holzbrücke gelaufen ist.
Unter ihm das Wasser.
Vor ihm ein Tor.
Oben auf dem Hügel eine kleine Burg.
Und außen herum..
einfach Hunsrück.
Wald.
Wiesen.
Nebel.
Eigentlich ziemlich cool.
Noch spannender ist, dass wir nicht einmal ganz genau wissen, wer diese Burg gebaut hat.
Vielleicht gehörte sie dem alten Adelsgeschlecht von Horn.
Im Jahr 1135 taucht jedenfalls ein Mann namens Burchard von Horn in alten Urkunden auf. Ob er genau hier gewohnt hat, können wir heute aber nicht einfach behaupten.
Das ist nämlich das Verrückte an Geschichte.
Manchmal findet man eine riesige Burg und weiß ziemlich genau, wer darin gewohnt hat.
Und manchmal findet man nur einen Hügel..
und der behält sein Geheimnis einfach für sich.
Später wissen wir wieder etwas mehr.
Im Jahr 1567 wurden die Reste der Burg beziehungsweise der sogenannte Horner Burgfrieden von Johann von Koppenstein an Meinhard von Schönberg verkauft.
Und 1655 war offenbar schon nicht mehr besonders viel von der Burg übrig.
Damals wurde sie bereits als die alte verfallene Burg bezeichnet.
Das heißt..
schon vor über 350 Jahren standen Menschen wahrscheinlich hier und sahen eine Ruine.
Und heute stehen wir hier und sehen nicht einmal mehr die Ruine.
Nur noch ihren Abdruck in der Landschaft.
Irgendwie finde ich das fast spannender.
Denn wenn Papa mir nicht erzählt hätte, dass hier eine Burg war, wäre ich wahrscheinlich einfach über den Hügel gelaufen.
Vielleicht hätte ich einen Stock gefunden.
Vielleicht einen Käfer.
Und dann wären wir weitergelaufen.
Dabei steckt unter unseren Füßen eine Geschichte, die viele hundert Jahre alt ist.
Wir sind noch ein bisschen über das Gelände gelaufen und haben uns alles angeschaut.
Heute gibt es hier auch ein paar richtig coole Sachen zum Entdecken und Spielen.
Also musste natürlich getestet werden.
Die große Schaukel.
Die Hängematte.
Das Weidenhäuschen.
Und dieses riesige Ding mit Holz, Ästen, Steinen und ganz vielen kleinen Löchern.
Papa meinte irgendwas von Insektenhotel.
Ich finde Insektenburg besser.
Passt schließlich hierher.
Irgendwann stand ich nochmal auf dem alten Burghügel.
Und jetzt konnte ich ihn plötzlich sehen.
Nicht wirklich natürlich.
Aber irgendwie im Kopf.
Wassergraben.
Holzbrücke.
Palisaden.
Vielleicht ein Turm.
Vielleicht ein Ritter von Horn, der irgendwo dort oben steht.
Und vielleicht ein kleiner Junge, der vor hunderten Jahren genau hier herumgerannt ist.
Wer weiß..
„Papa?“
„Ja?“
„Eigentlich ist die Burg doch noch da.“
Papa schaute mich an.
„Wie meinst du das?“
„Na.. man muss nur wissen, wo man gucken muss.“
Ich glaube, das war ziemlich schlau von mir.
Papa hat jedenfalls nichts dagegen gesagt.
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