


Die vergessene Grube im Wald
Vor drei Wochen waren wir im Hunsrueck unterwegs.
Kein grosses Ziel.Keine Menschenmassen.Kein Freizeitpark.
Nur unser Bus, ein kleiner Ort namens Altlay und irgendwo tief unten im Wald ein Ort, den sich die Natur langsam zurueckholt.
Wir parkten unseren Abenteuerbus und liefen los.
Mama, Papa, Alva und ich.
Erst ueber das offene Feld.
Hier oben schien noch die Sonne und eigentlich sah alles ziemlich harmlos aus.
Doch dann fuehrte unser Weg hinab in den Wald.
Und mit jedem Schritt wurde es stiller.
Die hohen Baeume verschluckten langsam das Licht.
Immer wieder lagen umgestuerzte Staemme quer ueber unserem Weg und wir mussten darueber klettern.
Weiter bergab.
Immer tiefer hinein.
Ab und zu brach die Sonne durch die Baumkronen und fuer einen kurzen Moment leuchtete der Waldboden auf.
Dann verschwand sie wieder.
Kein Haus.
Keine Strasse.
Keine Menschen.
Nur wir.
Der Weg wurde schmaler.
Steiniger.
Wilder.
Und irgendwann hatte ich das Gefuehl, dass wir schon ziemlich weit weg von allem waren.
Papa lief vor mir.
Ich hinterher.
Und dann blieb ich stehen.
Da war etwas.
Mitten im Hang klaffte ein schwarzes Loch.
Eine Hoehle.
Oder ein alter Stollen.
Ich leuchtete hinein.
Der Lichtstrahl meiner Taschenlampe verschwand irgendwann einfach in der Dunkelheit.
Aus dem Berg kam uns kalte Luft entgegen.
Diese ganz besondere Luft aus einem Stollen.
Kalt.
Feucht.
Und irgendwie roch sie nach Stein.
Natuerlich musste ich hinein.
Ein paar Schritte.
Noch einen.
Ich leuchtete vor mir in den Gang.
Schwarzer Fels.
Steine unter meinen Fuessen.
Und vor mir nur Dunkelheit.
Dann spueren ich Papas Hand auf meiner Schulter.
„Heute nicht. Nicht in diesen Gang. Okay?“
Ich schaute noch einmal hinein.
Dann nickte ich.
Okay.
Manchmal besteht ein Abenteuer eben auch darin zu wissen, wann man umdrehen muss.
Also verliessen wir das dunkle Loch im Berg.
Doch unser eigentliches Ziel lag noch vor uns.
Wir gingen weiter.
Und dann tauchte zwischen den Baeumen etwas auf.
Erst Beton.
Dann Mauern.
Fenster ohne Scheiben.
Rostige Stahltraeger.
Die alte Grube.
Mitten im Wald standen ihre verlassenen Gebaeude.
Wie Skelette aus einer anderen Zeit.
Keine Maschinen liefen mehr.
Keine Stimmen.
Kein Laerm.
Nur der Wind zog durch die leeren Fenster und dort, wo frueher Menschen gearbeitet hatten, wuchsen heute Farne und kleine Baeume.
Wir standen einfach davor und schauten.
Wie mag es hier wohl gewesen sein, als dieser Ort noch lebte?
Als Menschen jeden Morgen hierherkamen?
Als Maschinen liefen?
Als aus den dunklen Gaengen tief im Berg noch Gestein geholt wurde?
Heute antwortete niemand mehr.
Also gingen wir selbst auf Entdeckungsreise.
Raum fuer Raum.
Ueberall gab es etwas zu sehen.
Alte Mauern.
Rostige Stahlkonstruktionen.
Betonbecken, die heute offen und leer in den Gebaeuden lagen.
Graffiti bedeckte die Waende und durch Loecher im Dach fiel Sonnenlicht hinein.
Manchmal musste ich einfach stehen bleiben und nach oben schauen.
Der Wald war laengst dabei, diesen Ort zurueckzuerobern.
Baeume wuchsen zwischen den alten Anlagen.
Moos kroch ueber Beton.
Farne standen dort, wo wahrscheinlich einmal Arbeiter entlanggelaufen waren.
Und mitten zwischen all dem waren wir.
Irgendwann machten wir Pause.
Picknickzeit.
Und waehrend wir dort sassen, bemerkten wir, dass dieser verlassene Ort eigentlich gar nicht verlassen war.
Ganz im Gegenteil.
Ueberall war Leben.
Libellen flogen durch die Sonne.
Eidechsen huschten zwischen den Steinen hindurch.
Voegel riefen aus den Baeumen.
Und dann entdeckten wir sogar einen Fuchs.
Die Menschen waren verschwunden.
Aber die Natur war geblieben.
Vielleicht hatte sie sogar nur darauf gewartet, ihren Platz wiederzubekommen.
Nach unserem Picknick wollten Papa und ich noch einmal zu den alten Stollen.
Einige waren klein.
Andere gingen tief in den Berg hinein.
Sehr tief.
Wir standen vor einem der Eingaenge und leuchteten hinein.
Der Strahl der Taschenlampe wanderte ueber den Fels.
Doch irgendwann verschluckte die Dunkelheit auch ihn.
Ich stellte mir vor, wie Menschen hier frueher hineingegangen waren.
Nicht fuer ein Abenteuer.
Nicht mit Papa.
Sondern jeden Tag zur Arbeit.
Tief hinein in diesen Berg.
Dorthin, wo kein Sonnenstrahl mehr hinkommt.
Schon ein komisches Gefuehl.
Wir blieben dort, wo wir sicher schauen konnten.
Denn der Berg wird noch da sein.
Vielleicht wartet er einfach auf ein anderes Abenteuer.
Zum Schluss gingen wir noch auf die alte Halde.
Denn natuerlich mussten wir schauen, ob zwischen all den Steinen vielleicht ein kleiner Schatz liegt.
Also suchten wir.
Stein fuer Stein.
Manche glitzerten.
Manche hatten seltsame Farben.
Und manche mussten einfach mit.
Abenteuertaschen brauchen schliesslich Inhalt.
Dann wurde es Zeit.
Wir schauten noch einmal zurueck.
Auf die alten Mauern.
Auf den Wald.
Auf die dunklen Loecher im Berg.
Und machten uns auf den Rueckweg.
Jetzt allerdings nicht mehr bergab.
Jetzt ging es wieder hinauf.
Und ploetzlich merkte ich, wie weit wir vorher eigentlich heruntergelaufen waren.
Der Berg nahm uns jeden Meter wieder ab.
Schritt fuer Schritt.
Bis irgendwann die Baeume heller wurden.
Bis das offene Feld wieder vor uns lag.
Und dort oben wartete unser Bus.
Manchmal sind die besten Abenteuer die Orte, an denen eigentlich nichts mehr passiert.
Keine Maschinen.
Keine Arbeiter.
Keine Loren.
Nur alte Mauern und dunkle Gaenge.
Aber wenn man genau hinsieht, merkt man:
Ein Ort muss nicht mehr leben, um noch Geschichten zu erzaehlen.
Manchmal muss man nur tief genug in den Wald gehen, um sie zu finden.

















