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Die Seelenspuren im Wald


Eigentlich waren wir schon auf dem Rueckweg nach Hause.

Hinter uns lag die Schwaebische Alb. Vor uns der Westerwald.

Und noch ueber drei Stunden Fahrt.


Also brauchten wir eine Pause.

Einen kleinen Snack. Ein bisschen frische Luft. Beine vertreten.


Doch dass wir ausgerechnet hier anhielten, war kein Zufall.


Der kleine Ort hatte einen Namen wie eine Pflanze.

Und Papa kannte diesen Wald.

Mama auch.


Denn vor vielen, vielen Jahren waren sie schon einmal hier gewesen.

Damals noch ohne mich.

Ohne Alva.

Aber nicht alleine.

Nala war dabei.


Wir assen etwas und dann sagte Papa:

„Komm Ragnar. Ich moechte dir etwas zeigen.“


Also gingen wir los.


Mama und Alva blieben auf dem Waldweg zurueck und Papa und ich verschwanden zwischen den Baeumen.

Und schon nach wenigen Metern fuehlte es sich nicht mehr wie ein normaler Wald an.


Es war wie ein kleiner Urwald.


Wir kletterten ueber umgestuerzte Baeume, stiegen ueber Steine und schoben Aeste zur Seite.

Ueberall Moos.

Auf den Steinen.

Auf alten Baumstaemmen.


Und irgendwann sogar auf Dingen, die hier eigentlich gar nicht hingehoerten.

Alte Toepfe lagen zwischen dem Laub.

Verrostet.

Durchloechert.

Fast vollstaendig vom Wald verschluckt.


Ich fragte Papa immer wieder:

„Ist es noch weit?“


Er grinste nur.

„Warte ab.“


Dann sahen wir das erste Auto.

Oder zumindest das, was davon uebrig geblieben war.

Es lag mitten zwischen den Baeumen.

Rostig. Zerfallen. Still.


Die Natur hatte laengst angefangen, es zurueckzuholen.

Moos bedeckte das Metall und dort, wo frueher einmal Menschen gesessen hatten, wuchsen heute Pflanzen.


Ein Baum hatte es sich direkt am alten Auto gemuetlich gemacht.


Als haette der Wald irgendwann beschlossen:

Wenn ihr Menschen es nicht mehr braucht, dann nehme ich es eben.


Wir gingen weiter.

Und da war noch eines.

Und noch eines.


Alte Karosserien lagen zwischen den Baeumen wie vergessene Skelette aus einer anderen Zeit.


Aber Papa suchte etwas Bestimmtes.

Einen Kaefer.

Denn genau den wollte er mir zeigen.

Und irgendwann fanden wir ihn.


Oder besser gesagt:

Das, was die Zeit von ihm uebrig gelassen hatte.

Das Dach war zerfallen. Die Fenster verschwunden. Im Inneren fehlte fast alles.

Menschen hatten sich genommen, was sie noch gebrauchen konnten.


Raueber der Geschichte.


Und den Rest hatten sie dem Wald ueberlassen.


Ich schaute hinein.

Und dann sagte Papa etwas, das diesen alten Haufen Metall ploetzlich veraenderte.


„Hier ist Nala damals herumgetobt.“

Ich schaute ihn an.

„Hier?“

Papa nickte.

„Ja. Genau hier.“


Und ploetzlich sah ich nicht mehr nur den alten Kaefer.


Ich schaute auf den Waldboden.

Zwischen das Moos.

Unter die Baeume.

Auf die kleinen Wege zwischen den alten Autos.

Denn irgendwo hier war sie einmal entlanggelaufen.

Nala.


Lange bevor es mich gab.

Vielleicht hatte sie genau an diesem Baum geschnuppert.

Vielleicht war sie ueber genau diesen Stein gesprungen.

Vielleicht stand Papa damals an derselben Stelle wie heute.

Nur dass neben ihm kein kleiner Junge stand.


Sondern Nala.

Also schaute ich ganz genau hin.

Vielleicht konnte man sie ja noch irgendwo sehen.

Nicht wirklich natuerlich.


Aber vielleicht gibt es Dinge, die nicht einfach verschwinden.

Seelenspuren.


Kleine unsichtbare Spuren von denen, die einmal mit uns unterwegs waren.

Vielleicht bleiben sie an den Orten haengen, an denen wir gemeinsam gluecklich waren.

Und fuer einen Moment stellte ich mir vor, wie sie hier durch den Wald rannte.

Mitten zwischen all diesen alten Autos.


Ich musste laecheln.

Papa und ich gingen von Auto zu Auto.


Wir schauten in die alten Karosserien, entdeckten Rost, Moos und die letzten Reste einer vergangenen Zeit.

Und natuerlich hatten wir wieder tausend Fragen.


Wer hatte diese Autos gefahren?

Wie kamen sie hierher?

Warum blieben sie zurueck?


Wann wurde zum letzten Mal eine Tuer zugeschlagen?

Wann drehte sich zum letzten Mal ein Schluessel?


Und wusste der Mensch, der damals wegging, dass sein Auto irgendwann mitten in einem Wald liegen wuerde?

Dass Jahrzehnte spaeter ein kleiner Junge davorstehen und sich genau diese Fragen stellen wuerde?

Wir werden es wahrscheinlich nie erfahren.


Irgendwann setzten Papa und ich uns einfach einen Moment hin.

Mitten in diesen seltsamen Resten einer vergangenen Welt.

Der Wald war ruhig.


Die Sonne fiel zwischen den Baeumen hindurch.

Und um uns herum holte sich die Natur ganz langsam alles zurueck.


Metall wird zu Rost.

Rost wird zu Erde.

Moos waechst darueber.

Baeume wachsen hindurch.


Und irgendwann erinnert fast nichts mehr daran, dass hier einmal etwas gewesen ist.

Fast nichts.

Denn Erinnerungen funktionieren anders.

Dann mussten wir zurueck.


Also kaempften Papa und ich uns wieder durch unseren kleinen Urwald.

Ueber Baumstaemme.

Ueber Steine.

Durch Aeste und Laub.

Bis wir irgendwann wieder den Waldweg erreichten.


Dort warteten Mama und Alva.

Und ploetzlich waren wir wieder komplett.

Unser kleines Rudel.


Wir gingen zurueck zum Bus und die letzten Stunden bis nach Hause lagen noch vor uns.

Die alten Autos blieben im Wald.

Der Kaefer auch.


Und irgendwo zwischen Moos, Rost und alten Baeumen blieben vielleicht auch ein paar Spuren von Nala zurueck.

Ich weiss nicht, ob es so etwas wie Seelenspuren wirklich gibt.

Aber ich glaube, manche Orte vergessen uns nicht ganz.

Und vielleicht ist Erinnern manchmal genau das:


Den Spuren eines Menschen oder eines Tieres zu folgen, das lange vor uns dort war - und fuer einen winzigen Moment denselben Weg zu gehen.


Ragnars Abenteuer


Manche Spuren sieht man nicht mit den Augen. Man findet sie mit dem Herzen.

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