


Die Heilstaette im Harz
Ich stehe neben unserem roten Abenteuerbus und schaue noch einmal hinter mich.
Dort steht sie.
Gross.
Still.
Kaputt.
Die alte Heilstätte.
Eigentlich genau so ein Ort, den ich mag.
Alte Mauern.
Kaputte Fenster.
Dunkle Gaenge.
Ein waschechter Lost Place.
Doch diesmal ist irgendetwas anders.
Ich weiss nicht warum.
Aber als ich dieses riesige verlassene Gebaeude anschaue, laeuft mir ein kleiner Schauer ueber den Ruecken.
Ploetzlich spueren ich eine Hand auf meiner Schulter.
Papa.
Er schaut ebenfalls nach oben.
„Gruselig, oder?“
Ich nicke und ruecke ein kleines Stueck naeher an ihn.
Papa laechelt.
„Weisst du, mein Schatz, das hier war einmal eine Art Krankenhaus. Ein Ort, an dem Menschen geholfen wurde. Irgendwann wurde er nicht mehr gebraucht.“
Er schaut wieder zum Gebaeude.
„Und dann wurde er vergessen.“
Vergessen.
Ein ganzes Krankenhaus.
Irgendwie komisch.
„Und Geister?“
Papa schaut mich an.
„Auf Geister wuerde ich hier nicht hoffen.“
„Warum nicht?“
Er ueberlegt kurz.
„Na ja… wuerdest DU als Geist freiwillig in einem Haus wohnen, das nicht einmal mehr ein richtiges Dach hat?“
Ich muss lachen.
„Natuerlich nicht!“
Papa auch.
Und ploetzlich ist die Heilstätte nur noch halb so gruselig.
Also nehme ich Papas Hand.
Und gemeinsam steigen wir die alte Treppe hinauf.
Wir gehen hinein.
Vor uns liegt ein langer Flur.
Links und rechts offene Tueren.
Kaputte Fenster.
Scherben.
Staub.
Und immer wieder faellt Sonnenlicht durch die Loecher des alten Gebaeudes.
Mit jedem Schritt wirbeln wir ein bisschen Staub auf.
Die Sonnenstrahlen schneiden hindurch und fuer einen Moment sieht es aus, als wuerde ein heller Schleier durch die alten Gaenge schweben.
Ich bleibe stehen.
Papa beginnt zu erzaehlen.
„Vor mehr als hundert Jahren wurden hier Menschen behandelt, die grosse Probleme mit ihrer Lunge hatten. Viele davon waren noch sehr jung.“
Ich schaue ihn an.
„Was hatten die?“
„Sie waren krank und konnten deshalb teilweise nicht richtig atmen.“
Sofort fasse ich mir an den Hals.
Nicht richtig atmen?
„Wie schlimm!“
Papa nickt.
Diesmal lacht er nicht.
„Ja. Das war es.“
Und wir gehen langsam weiter.
Papa kennt Geschichten ueber einen Arzt, der damals hier gearbeitet haben soll.
Hans Pigger.
Er soll die Heilstätte sehr streng gefuehrt haben.
Aber Papa erzaehlt mir auch, dass er fuer seine Zeit mit neuen Behandlungsmethoden gearbeitet hat und damit Menschen helfen konnte.
Manche wurden wieder gesund.
Andere leider nicht.
Vielleicht entstanden deshalb irgendwann die Geschichten ueber Geister, die noch heute durch diese Gaenge laufen sollen.
Geister?
Ich schaue sofort zu Papa.
Er bemerkt meinen Blick.
Dann zeigt er einfach nach vorne.
Am anderen Ende des Flures laeuft eine andere Gruppe durch das Gebaeude.
Jemand winkt uns.
Papa hebt kurz die Hand.
Dann schaut er mich an.
„Das sind wahrscheinlich die einzigen Geister, die du heute sehen wirst. Okay?“
Ich nicke.
Okay.
Damit kann ich leben.
Jetzt beginnt unsere Entdeckungstour richtig.
Wir laufen durch die alten Gaenge.
Unter unseren Schuhen knirschen Scherben und Sand.
Fast alle Fenster sind kaputt.
Die Sonne faellt durch die leeren Rahmen und laesst den Staub in der Luft leuchten.
Jeder Raum sieht anders aus.
Manche sind vollkommen leer.
In anderen liegen noch Dinge herum.
Und dann finden wir einen Raum mit alten Sesseln.
Ich schaue Papa an.
„Darf ich?“
Er kennt diesen Blick.
Papa verdreht die Augen.
Dann nickt er.
„Du hast echt nur Unsinn im Kopf.“
Natuerlich habe ich das.
Also setze ich mich auf einen der alten Sessel.
Ganz wichtig.
Ganz ernst.
Wie der Chef der verlassenen Heilstätte.
Zumindest fuer ungefaehr drei Sekunden.
Dann schneide ich Grimassen.
Papa lacht.
Und fuer einen Moment ist dieser alte Raum gar nicht mehr unheimlich.
Wir gehen weiter.
Dann kommen wir an einen alten Fahrstuhlschacht.
Er ist offen.
Papa bleibt sofort stehen.
„Ragnar.“
Ich weiss schon, was kommt.
„Immer bei mir bleiben. Okay, mein Schatz?“
Ich nicke.
Diesmal gibt es keinen Unsinn.
Ich nehme wieder seine Hand.
Gemeinsam gehen wir weiter.
Ueber uns haengen alte Kronleuchter.
Manche schief.
Manche kaputt.
Sie sehen aus wie Relikte aus einer anderen Welt.
Papa schaut nach oben.
„Was die wohl alles erzaehlen koennten…“
Ich schaue ebenfalls hinauf.
Mehr als hundert Jahre.
Wie viele Menschen sind wohl unter diesen Lampen entlanggelaufen?
Wie viele haben hier gehofft?
Wie viele hatten Angst?
Und wie viele waren gluecklich, als sie diesen Ort wieder verlassen durften?
Vielleicht sind es genau solche Gedanken, weshalb Papa diese alten Orte so liebt.
Nicht weil sie kaputt sind.
Sondern weil sie einmal voller Leben waren.
Wir finden das Treppenhaus.
Erste Etage.
Zweite Etage.
Dann die dritte.
Immer neue Gaenge.
Immer neue Zimmer.
Manchmal stehen wir einfach nur da.
Und lauschen.
Nichts.
Nur der Wind.
Das Knirschen unter unseren Schuhen.
Und irgendwo das Rascheln der Baeume draussen.
Es ist eine ganz besondere Ruhe.
Eine Ruhe, die es fast nur an Orten gibt, an denen einmal sehr viele Menschen waren…
und heute fast niemand mehr ist.
Irgendwann gehen wir wieder hinaus.
Aber unser Abenteuer ist noch nicht vorbei.
Wir erkunden das Gelaende rund um die Heilstätte.
Weitere alte Gebaeude.
Ein riesiger Schornstein.
Und hinter der Heilstätte entdecken wir sogar einen alten Bus.
Auch er steht einfach dort.
Vergessen.
Langsam verstehe ich, was Papa an solchen Orten mag.
Es ist nicht nur das Abenteuer.
Nicht nur das Erkunden.
Und auch nicht der kleine Grusel im Bauch.
Es ist dieses Gefuehl, vor etwas zu stehen, das eigentlich verschwunden sein sollte.
Und trotzdem noch da ist.
Die Menschen sind gegangen.
Die Fenster zerbrochen.
Die Daecher geben langsam nach.
Doch gleichzeitig passiert etwas anderes.
Moos waechst auf den Mauern.
Pflanzen kommen durch die Ritzen.
Baeume wachsen immer naeher an die Gebaeude heran.
Die Natur wartet nicht.
Sie holt sich diesen Ort zurueck.
Stueck fuer Stueck.
Ganz egal, wie gross wir Menschen einmal gebaut haben.
Langsam gehen wir zurueck zu unserem Abenteuerbus.
Mama und Alva warten schon auf uns.
Eigentlich ist unser Abenteuer damit vorbei.
Eigentlich.
Denn ploetzlich bleibt Papa stehen.
Aus Richtung Keller kommt ein Geraeusch.
Ich schaue ihn an.
Er schaut mich an.
Dieses Grinsen.
Oh nein.
Mama kennt dieses Grinsen natuerlich auch.
Sie schuettelt nur den Kopf.
„Dann geh schon. Wir warten. Aber wehe, dir passiert etwas!“
Papa schaut zu uns.
Dann zwinkert er mir zu.
„Ich glaube, selbst Geister koennten mich nicht daran hindern, zu euch zurueckzukommen.“
Und dann verschwindet Papa durch das dunkle Loch.
Ich bleibe bei Mama und Alva stehen und schaue ihm hinterher.
Vielleicht gibt es dort unten wirklich noch etwas zu entdecken.
Vielleicht auch nicht.
Aber eines weiss ich inzwischen:
Alte Orte brauchen keine Geister, um geheimnisvoll zu sein.
Ihre Mauern haben genug gesehen.
Ihre Flure haben genug Geschichten gehoert.
Und vielleicht ist das Schoenste an einem Lost Place gar nicht herauszufinden, was hinter jeder dunklen Ecke wartet.
Vielleicht ist es die Vorstellung davon, was hier einmal war.
Und manches Geheimnis darf auch einfach eines bleiben.









