

Die Burgruine Windeck
eine Burg über dem Siegtal
Manchmal fahren wir irgendwo hin und Papa sagt:
„Da oben ist eine Burg.“
Und natürlich gucke ich dann sofort nach oben.
Bei der Burg Windeck musste ich gar nicht lange suchen.
Die alten Mauern stehen ziemlich weit oben über dem Siegtal und schon von unten sieht die Burg so aus, als hätte sie eine Menge erlebt.
Also los..
hoch zur Burg.
Als wir zwischen den alten Mauern standen, hat Papa mir erzählt, dass die Windeck schon über 800 Jahre alt ist.
Im Jahr 1174 wurde sie zum ersten Mal in einer Urkunde erwähnt.
Damals hatte sie allerdings einen etwas komischen Namen:
„Castrum novum in windeke.“
„Was heißt das denn, Papa?“
Papa kann Latein und hat mir erklärt, dass das ungefähr „Neue Burg in Windeck“ bedeutet.
Neue Burg?!
Die ist doch uralt!
Aber dann hat Papa mir erzählt, dass es tatsächlich noch eine ältere Burg Windeck gegeben haben soll.
Von ihr hat man ein paar hundert Meter entfernt Überreste gefunden.
Okay..
Dann war unsere uralte Burg damals also wirklich die neue Burg.
Schon irgendwie lustig.
Und die stand hier oben natürlich nicht nur, weil die Aussicht schön war.
Obwohl die wirklich ziemlich gut ist.
Die Windeck war nämlich eine Grenzburg.
Auf der einen Seite hatten die Grafen von Berg etwas zu sagen und auf der anderen die Grafen von Sayn.
Papa hat mir erklärt, dass solche Grenzen früher ziemlich wichtig waren und natürlich jeder genau wissen wollte, wo sein Gebiet anfängt und wo das vom anderen aufhört.
Ich glaube, früher war das manchmal ungefähr so:
„Das hier gehört mir.“
„Nein, mir!“
„Doch!“
Und dann baut man vorsichtshalber eine riesige Burg auf den Berg.
Ab dem 13. Jahrhundert gehörte die Windeck schließlich den Grafen von Berg und wurde später sogar ein wichtiger Ort für die Verwaltung und das Gericht.
Hier wurde also nicht nur gekämpft.
Hier haben Menschen gewohnt.
Sie haben gearbeitet.
Gegessen.
Geschlafen.
Entscheidungen getroffen.
Und wahrscheinlich auch ziemlich viel gestritten.
Als wir durch die Ruine gelaufen sind, habe ich versucht mir vorzustellen, wie das früher hier ausgesehen haben könnte.
Heute stehen überall nur noch Teile der alten Mauern.
Aber man kann noch Reste vom Bergfried, vom großen Rittersaal, von den Außenmauern und sogar einen alten Brunnen entdecken.
Und genau dann fängt mein Kopf immer an zu arbeiten.
Wo standen die Pferde?
Wo haben die Ritter gegessen?
Wo haben die Kinder geschlafen?
Und natürlich:
Wo war das Klo?
Das interessiert mich bei alten Burgen irgendwie immer.
Papa weiß mittlerweile schon, dass diese Frage irgendwann kommt.
Aber irgendwann wurde es auf der Windeck überhaupt nicht mehr lustig.
Im Dreißigjährigen Krieg kamen immer wieder Soldaten zur Burg.
1632 wurde sie von schwedischen Soldaten eingenommen.
1646 wurde die Burg nach einer Belagerung von französisch-hessischen Truppen angegriffen.
Dabei wurde sogar der große Hauptturm gesprengt und ein Teil der Mauer zerstört.
Und trotzdem war die Geschichte noch nicht vorbei.
1648 kamen wieder Soldaten und beschädigten die Burg noch weiter.
Und 1672 kamen französische Truppen und zerstörten schließlich auch noch die Gebäude, die bis dahin übrig geblieben waren.
Danach wurde es hier langsam still.
Aus der Burg wurde eine Ruine.
Dächer verschwanden.
Mauern stürzten ein.
Und dann haben die Menschen sogar angefangen, sich die Steine der Burg zu holen.
Die Ruine wurde einfach als Steinbruch benutzt.
Das finde ich irgendwie verrückt.
Heute stehen Papa und ich vor irgendeinem alten Stein und Papa erzählt mir, wie viele hundert Jahre der schon dort liegt.
Und früher kam wahrscheinlich einfach jemand vorbei und dachte:
„Jo. Den kann ich für mein Haus gebrauchen.“
Und weg war er.
Zum Glück haben die Menschen irgendwann gemerkt, dass es vielleicht ganz gut wäre, ein bisschen auf die alten Mauern aufzupassen.
Im 19. Jahrhundert wurde hier wieder aufgeräumt.
Es entstanden Wege und Treppen und später wurde auf dem Gelände sogar noch einmal ein richtiges Wohnhaus gebaut.
Das hieß Schloss Windeck.
Aber irgendwie hatte dieser Berg wirklich kein Glück mit seinen Gebäuden.
Ganz am Ende des Zweiten Weltkriegs, 1945, wurde auch das Schloss getroffen und brannte aus.
Später wurden seine Reste entfernt.
Und ab den 1960er-Jahren begann man schließlich damit, die mittelalterlichen Mauern der alten Burg zu sichern.
Damit wenigstens das bleibt, was heute noch da ist.
Und genau zwischen diesen Mauern sind wir jetzt herumgelaufen.
Mehr als 800 Jahre, nachdem zum ersten Mal jemand den Namen Windeck aufgeschrieben hat.
Wir sind die alten Stufen hoch und von dort konnte ich weit über das Land schauen.
Über die Bäume.
Die Hügel.
Und das Siegtal.
Da oben habe ich verstanden, warum man ausgerechnet hier eine Burg hingestellt hat.
Man sieht einfach richtig weit.
Vielleicht stand vor 800 Jahren schon jemand ungefähr dort, wo wir standen.
Ein Ritter vielleicht.
Oder ein Wachmann.
Vielleicht aber auch einfach ein Kind.
Ein Kind, das über dieselben Mauern geklettert ist.
Von Papa zurückgerufen wurde.
Und trotzdem noch schnell gucken wollte, was hinter der nächsten Ecke ist.
Das könnte ich ziemlich gut verstehen.
Heute gibt es hier jedenfalls keine Ritter mehr.
Niemand muss mehr die Grenze bewachen.
Keine Soldaten stehen vor den Mauern.
Und aus dem Burghof hört man keine Pferde mehr.
Nur den Wind.
Vögel.
Unsere Schritte auf den alten Steinen.
Und Papa, der irgendwann sagt:
„Ragnar, langsam.“
Aber genau deshalb mag ich solche Orte.
Wenn man ein bisschen Fantasie mitbringt, sind diese alten Mauern plötzlich gar nicht mehr nur kaputte Steine.
Dann steht der große Turm wieder da.
Im Burghof laufen Menschen herum.
Pferde klappern über den Boden.
Irgendwo brennt ein Feuer.
Und ganz oben hält jemand Ausschau über das Siegtal.
Über 800 Jahre später stehe ich dann genau hier und versuche mir vorzustellen, wie das alles einmal gewesen sein könnte.
Das werden wir natürlich nie ganz wissen.
Aber vielleicht ist genau das das Schöne an alten Burgen.
Ein paar Mauern sind noch da.
Den Rest darf man sich selbst vorstellen.
Und ich glaube..
ich wäre damals ziemlich gerne einmal durch dieses Burgtor gelaufen.
Nur das mit dem Dreißigjährigen Krieg hätte ich lieber ausgelassen.
Bildergalerie


















