

Die Burgruine Vroneck
die Burg über dem Kloster
Eigentlich wollten Papa und ich nur schauen, was da oben über dem Kloster im Wald versteckt ist..
Denn unten liegt das große Kloster Marienstatt direkt an der Nister.
Alte Brücke.
Große Kirche.
Wasser.
Und überall Wald.
Aber Papa meinte irgendwann:
„Ragnar.. da oben gab es früher sogar eine Burg.“
Eine Burg?!
Natürlich mussten wir da hoch.
Also ging es über den Burgberg immer weiter zwischen den Bäumen hindurch.
Nur diesmal sollten wir keine riesigen Mauern erwarten.
Keinen hohen Bergfried.
Kein Burgtor.
Denn von dieser Burg ist heute fast nichts mehr übrig.
Und genau das machte sie irgendwie noch spannender.
Die Burg hieß Vroneck.
Man findet aber auch die Namen Froneck-Nister oder einfach Burg Nister.
Und einen kleinen Teil der alten Burgstelle nennen die Menschen heute Felsenstübchen.
„Felsenstübchen klingt aber nicht besonders gefährlich, Papa.“
Eher wie ein kleines Zimmer für einen Zwerg.
Aber dieser Ort war früher ziemlich wichtig.
Denn hier oben gab es wahrscheinlich schon lange vor dem heutigen Kloster eine Burg.
Die Burg Nister bestand spätestens zu Beginn des 12. Jahrhunderts. Bereits 1117 wird ein Dietfryt von Nister erwähnt. Die Herren von Nister hatten hier ihren Sitz und gehörten damals zum Adel der Gegend.
Das sind über 900 Jahre.
Ich musste erstmal nachrechnen.
Okay..
Papa musste rechnen.
Ich habe währenddessen lieber nach alten Steinen gesucht.
Die Burg stand hier aber nicht einfach nur, weil jemand einen schönen Platz im Wald gefunden hatte.
Unterhalb des Burgbergs verlief früher eine wichtige alte Straße.
Sie verband unter anderem Köln und Leipzig, und hier bei Marienstatt konnte man die Nister überqueren.
Von der Burg aus konnte dieser Weg kontrolliert und geschützt werden.
Also kamen hier früher tatsächlich Händler und Reisende vorbei.
Vielleicht Pferde.
Vielleicht Wagen voller Waren.
Vielleicht Leute, die mehrere Tage unterwegs waren.
Und oben auf dem Berg saßen Männer und beobachteten, wer dort unten durch das Tal kam.
Das kann man sich heute kaum noch vorstellen.
Denn irgendwann verschwand diese alte Burg wieder.
Und dann wurde es richtig interessant.
Im 14. Jahrhundert wollten die Grafen von Sayn genau hier wieder eine Burg errichten.
Sie sollte Vroneck heißen.
Nur gab es inzwischen direkt unterhalb des Burgbergs das Kloster Marienstatt.
Und die Mönche fanden die Idee mit einer neuen Burg direkt über ihrem Kloster offenbar überhaupt nicht gut.
Kann ich irgendwie verstehen.
Wenn man unten in Ruhe Mönch sein möchte, braucht man wahrscheinlich nicht unbedingt einen Grafen mit einer Burg über dem Kopf.
Es kam zum Streit.
Und am Ende durften die Grafen ihre neue Burg nicht behalten.
Im Dezember 1343 versprachen Graf Johann II. von Sayn und seine Frau Elisabeth, den Burgberg gegenüber dem Kloster nicht wieder zu bebauen.
Schon im Juli 1344 war die Burg Vroneck abgetragen.
Das fand ich verrückt.
Normalerweise erzählen wir bei unseren Burgen irgendwann:
Dann kamen Soldaten.
Dann wurde geschossen.
Dann brannte alles.
Hier war es anders.
Die Burg wurde angefangen..
es gab Ärger..
und dann musste sie einfach wieder weg.
Nicht einmal richtig fertig und schon Ruine.
„Papa, das ist ja eine ziemlich kurze Burggeschichte.“
Stimmt.
Aber dafür eine ziemlich alte.
Heute erkennt man auf dem langgezogenen Burgberg noch den Halsgraben, wenige Mauerreste und die Felsenkammer, die als Felsenstübchen bekannt ist. Die eigentliche Kernanlage war ungefähr 49 Meter lang und 15 Meter breit.
Wenn man dort steht, braucht man deshalb ein bisschen Fantasie.
Sehr viel sogar.
Man muss sich die Mauern wieder dazudenken.
Das Tor.
Die Menschen.
Vielleicht Pferde.
Und unten im Tal die alte Straße an der Nister.
Aber genau solche Orte mag ich langsam besonders.
Bei einer großen Burg sieht man sofort, was einmal da war.
Hier muss man suchen.
Und plötzlich ist ein kleiner Graben nicht mehr einfach nur ein Graben.
Ein Felsen ist nicht mehr einfach nur ein Felsen.
Und ein paar Steine im Wald erzählen von einer Burg, die hier vor vielen hundert Jahren über der Nister stand.
Unten sieht man Marienstatt.
Oben versteckt der Wald fast die ganze Geschichte.
Wenn Papa mir nichts davon erzählt hätte, wäre ich wahrscheinlich einfach daran vorbeigelaufen.
Also habe ich beschlossen:
Wir müssen im Wald jetzt noch genauer gucken.
Wer weiß, wie viele Burgen sich hier noch verstecken..
Papa weiß das wahrscheinlich schon. Das ist meistens das Problem.
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