

Die Burgruine Drachenfels
die Burg mit dem Drachen im Felsen
Bei einer Burg, die Drachenfels heißt, muss ich eigentlich gar nicht mehr viel wissen.
Da will ich hin.
Papa meinte allerdings schon vorher:
„Ragnar, da oben sitzt kein echter Drache.“
Das konnte er ja gar nicht wissen.
Also sind wir trotzdem hoch.
Und schon der Weg zur Burg war irgendwie anders als bei vielen anderen Burgen, die wir bisher gesehen haben.
Denn die Drachenfels wurde nicht einfach auf einen Berg gebaut.
Die Menschen haben die Burg richtig in diese riesigen roten Felsen hineingebaut.
Treppen wurden in den Stein geschlagen.
Kammern wurden aus dem Felsen gehauen.
Gänge.
Keller.
Sogar Zisternen für Wasser.
Und wenn man heute dort hochläuft, weiß man manchmal gar nicht mehr genau, wo eigentlich der Felsen aufhört und wo die Burg anfängt.
Das fand ich ziemlich cool.
Und ein bisschen unheimlich.
Vor allem weil man immer weiter nach oben kann.
Über schmale Treppen.
Durch Felsen.
Über kleine Brücken.
Bis man irgendwann ziemlich weit oben steht und über den ganzen Pfälzerwald schauen kann.
Papa nennt die Gegend Wasgau.
Ich nenne sie:
Ganz schön hoch.
Die Burg wurde wahrscheinlich ungefähr um das Jahr 1200 gebaut.
Also vor mehr als 800 Jahren.
Eine Familie nannte sich sogar nach dieser Burg: die Herren von Drachenfels.
Schriftlich tauchen sie schon Anfang des 13. Jahrhunderts auf.
Die Burg hatte unter anderem die Aufgabe, Besitzungen des Klosters Klingenmünster zu schützen.
Aber natürlich wollte ich etwas ganz anderes wissen.
„Papa.. warum heißt die eigentlich Drachenfels?“
Und das ist gar nicht so einfach zu beantworten.
Aber Drachen gehören tatsächlich schon sehr lange zur Geschichte dieser Burg.
An einer Felswand der Oberburg wurde sogar die Umrisszeichnung eines Drachen in den Stein geritzt.
Ein Teil davon wurde später beschädigt, aber man kann noch erkennen, was dort einmal dargestellt war.
Also doch Drachen.
Ha!
Vielleicht hat hier ja wirklich einer gewohnt.
Vielleicht ganz oben in einer der Felsenkammern.
Papa sagt nein.
Ich sage:
Wir waren schließlich nicht vor 800 Jahren dabei.
Irgendwann wurde die Geschichte der Drachenfels allerdings ziemlich wild.
Im Jahr 1335 kamen Soldaten aus Straßburg.
Den Herren von Drachenfels wurde damals Straßenraub vorgeworfen.
Also wurde die Burg belagert, eingenommen und niedergebrannt.
Das war eigentlich schon ziemlich schlecht für eine Burg.
Aber die Drachenfels gab noch nicht auf.
Sie wurde wieder aufgebaut.
Später passierte hier etwas, das ich erstmal überhaupt nicht verstanden habe.
Die Drachenfels gehörte nämlich irgendwann nicht mehr nur einem einzigen Burgherrn.
Sondern ganz vielen.
Sie wurde eine sogenannte Ganerbenburg.
„Was ist denn ein Ganerbe?“
Papa hat mir erklärt, dass sich mehrere Familien oder Personen eine Burg teilen konnten.
Und auf der Drachenfels waren das zeitweise richtig viele.
In einer Urkunde aus dem Jahr 1510 werden 25 Ganerben genannt.
25 Besitzer!
Stellt euch mal vor, ihr habt mit 24 anderen Leuten zusammen eine Burg.
Wer entscheidet dann, wer den größten Turm bekommt?
Oder wer das Klo putzen muss?
Darüber steht leider nichts in den alten Urkunden.
Unter diesen Besitzern war jedenfalls auch ein ziemlich berühmter Ritter:
Franz von Sickingen.
Und genau das wurde der Drachenfels später zum Verhängnis.
Franz von Sickingen legte sich mit ziemlich mächtigen Fürsten an.
Das ging nicht besonders gut aus.
Nachdem er 1523 besiegt worden war, zogen die Truppen seiner Gegner auch zur Drachenfels.
Und jetzt kommt etwas, das ich irgendwie gemein finde.
In der Burg waren nur der Burgvogt und acht Knechte.
Gegen eine riesige Armee.
Sie merkten natürlich, dass sie keine Chance hatten und übergaben die Burg.
Trotzdem wurde die Drachenfels am 10. Mai 1523 geplündert, verbrannt und zerstört.
Und diesmal sagten die Sieger sogar:
Die Burg darf nicht wieder aufgebaut werden.
Das war das Ende der Drachenfels.
Zumindest als richtige Burg.
Danach holten sich Menschen sogar Steine aus der Ruine und verwendeten sie für andere Gebäude in Busenberg.
Einige Steine der alten Burg stecken deshalb heute wahrscheinlich irgendwo in Häusern und sogar in der Kirche des Ortes.
Das finde ich total verrückt.
Eine Burg verschwindet also manchmal gar nicht richtig.
Sie verteilt sich einfach ein bisschen.
Aber zum Glück konnte niemand den ganzen Berg mitnehmen.
Und deshalb ist die Drachenfels heute noch da.
Als wir zwischen diesen riesigen roten Felsen standen, habe ich versucht mir vorzustellen, wie das hier früher ausgesehen haben muss.
Mauern auf den Felsen.
Menschen in den Kammern.
Ritter auf den Treppen.
Und irgendwo vielleicht ein Kind, das genauso neugierig durch diese Felsengänge gelaufen ist wie ich.
Nur ohne diese ganzen Metallgeländer.
Und dann ging es natürlich weiter nach oben.
Immer diese Treppen.
Papa vorne oder hinter mir und wahrscheinlich ungefähr zwanzigmal:
„Ragnar, langsam.“
Bis wir irgendwann ganz oben waren.
Und dann war mir plötzlich egal, wie viele Treppen wir hochgelaufen waren.
Denn die Aussicht ist einfach riesig.
Überall Wald.
Dazwischen diese roten Felsen.
Hügel bis ganz weit nach hinten.
Und wir mittendrin auf einer Burg, die seit über 500 Jahren eine Ruine ist.
Da oben habe ich mich irgendwann gefragt, wie es wohl gewesen sein muss, hier nachts Wache zu halten.
Kein Licht.
Kein Auto.
Keine Häuser überall.
Nur Wald.
Wind.
Dunkelheit.
Und irgendwo unten knackt plötzlich ein Ast.
Vielleicht nur ein Wildschwein.
Vielleicht ein Ritter.
Oder..
ein Drache.
Papa sagt immer noch nein.
Aber ich finde:
Bei einer Burg namens Drachenfels darf man wenigstens ein bisschen daran glauben.
Denn genau deshalb mag ich alte Burgen so sehr.
Papa erzählt mir, was wir wirklich über sie wissen.
Und alles, was niemand mehr weiß..
darf mein Kopf selbst weitererzählen.
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