

Die Burgruine Baldenau
eine Burg mitten im Wasser
Bei Burgen dachte ich eigentlich immer, dass man erstmal einen Berg hochlaufen muss.
Je höher, desto besser.
Papa sagt ja auch immer, dass Burgen meistens so gebaut wurden, dass man Feinde schon von weitem sehen konnte.
Aber bei der Burg Baldenau war irgendwie alles anders.
Die steht einfach unten im Tal.
Mitten im Hunsrück.
Und um sie herum ist Wasser.
„Papa.. warum steht die Burg denn hier unten?“
Und dann hat Papa mir erzählt, dass die Baldenau etwas ganz Besonderes ist.
Sie ist nämlich die einzige Wasserburg im Hunsrück.
Okay.
Das fand ich schon ziemlich cool.
Denn früher war die ganze Burg von einem ungefähr 12 Meter breiten Wassergraben umgeben.
Also nicht einfach zur Burg laufen und anklopfen.
Erstmal musste man über das Wasser kommen.
Die Burg wurde vor ungefähr 700 Jahren, zwischen 1315 und 1324, gebaut.
Und der Mann, der sie bauen ließ, hieß Balduin von Luxemburg.
Er war Erzbischof und Kurfürst von Trier und offenbar ziemlich wichtig.
Und irgendwann ist mir etwas aufgefallen.
Balduin.
Baldenau.
„Papa.. hat der die Burg etwa nach sich selbst benannt?“
Jep.
Hat er.
Wenn ich irgendwann eine Burg baue, muss ich darüber nochmal nachdenken.
Ragnarburg klingt eigentlich gar nicht schlecht.
Balduin ließ die Burg aber natürlich nicht nur bauen, weil er gerne eine eigene Burg mit seinem Namen haben wollte.
Sie sollte sein Gebiet sichern.
Damals gab es hier nämlich verschiedene Herrscher, die ziemlich genau darauf achteten, wem welches Stück Land gehörte.
Und die Baldenau sollte dabei helfen, das Gebiet von Kurtrier zu schützen.
Als wir näher zur Burg kamen, habe ich natürlich sofort den riesigen runden Turm gesehen.
Das ist der Bergfried.
Ungefähr 25 Meter hoch.
Und seine Mauern sind teilweise ungefähr dreieinhalb Meter dick.
DREIEINHALB METER.
Papa und ich zusammen könnten uns quer hinlegen und die Mauer wäre wahrscheinlich immer noch dicker.
Aber dann kam das eigentlich Verrückte.
Der ursprüngliche Eingang zum Turm lag ungefähr 12 Meter über dem Boden.
„Und wie sind die da reingekommen?!“
Natürlich nicht mit einer Leiter aus dem Baumarkt.
Der Eingang war damals über eine Treppe und eine Galerie von der Burgmauer aus erreichbar. Den Eingang unten, durch den man heute hineinkommt, gab es damals noch gar nicht.
Und dann haben wir uns angeschaut, was von der restlichen Burg noch übrig ist.
Früher war hier nämlich viel mehr.
Die Anlage war ungefähr 52 Meter lang und bis zu 20 Meter breit.
Sie hatte mehrere Stockwerke, Wohnräume und natürlich ihre dicken Mauern.
Hier haben wirklich Menschen gelebt.
Sie haben gekocht.
Geschlafen.
Pferde versorgt.
Am Feuer gesessen.
Und wahrscheinlich morgens aus dem Fenster geschaut und gedacht:
„Heute ist aber wieder ordentlich Wasser im Burggraben.“
Vielleicht.
Papa hat mir dann erzählt, dass Balduin sogar noch einen viel größeren Plan hatte.
Neben seiner Burg sollte eine richtige Stadt entstehen.
Im Jahr 1332 bekam er dafür sogar die Stadtrechte von Kaiser Ludwig dem Bayern.
Eine Stadt direkt neben der Baldenau.
Mit Häusern und Menschen und allem drum und dran.
Aber daraus wurde nichts.
Die Stadt wurde nie gebaut.
Irgendwie komisch.
Man steht heute dort zwischen Wiesen, Wasser und alten Mauern und muss sich vorstellen, dass hier einmal eine ganze Stadt entstehen sollte.
Später wurde die Burg trotzdem ziemlich wichtig.
Sie wurde Mittelpunkt des Amtes Baldenau und von hier aus wurden mehrere Orte in der Umgebung verwaltet.
Aber wie bei fast allen unseren alten Burgen kam irgendwann der Teil der Geschichte, bei dem Papa sagt:
„Und dann kam der Krieg.“
Im Dreißigjährigen Krieg wurde die Baldenau zerstört.
Aber diesmal gaben die Menschen ihre Burg noch nicht auf.
Zwischen 1649 und 1654 wurde sie wieder aufgebaut.
Das finde ich irgendwie schön.
Da steht deine Burg kaputt vor dir und du sagst einfach:
Wir bauen sie wieder auf.
Und genau das haben sie gemacht.
Leider hielt das nicht besonders lange.
Denn 1689 kamen im Pfälzischen Erbfolgekrieg französische Truppen.
Diesmal wurde die Baldenau so schwer zerstört, dass niemand sie wieder richtig aufbaute.
Aus der Burg wurde langsam die Ruine, durch die wir heute laufen können.
Die Menschen verschwanden.
Die Räume verschwanden.
Mauern stürzten ein.
Gras wuchs zwischen den Steinen.
Und irgendwann wurde es still rund um die Baldenau.
Nur der große alte Bergfried blieb stehen.
Jahr für Jahr.
Seit über 700 Jahren.
Und genau das finde ich an solchen Orten immer ein bisschen verrückt.
Wir laufen heute einfach über eine Holzbrücke und stehen plötzlich dort, wo vor Jahrhunderten Menschen gelebt haben.
Vielleicht sind hier Kinder herumgerannt.
Vielleicht saß jemand am Fenster.
Vielleicht stand nachts jemand auf der Mauer und hat in die Dunkelheit geschaut.
Und vielleicht hat sich irgendein Kind damals auch gefragt, ob im Wassergraben Monster leben.
Ich hätte jedenfalls nachgeguckt.
Und noch etwas finde ich an der Baldenau besonders schön.
Man muss hier gar nicht so viel Fantasie haben.
Das Wasser ist wieder da.
Der Graben wurde bei den Sicherungsarbeiten in den 1980er-Jahren wieder freigelegt und die Ruine gesichert.
Dadurch kann man heute wieder ziemlich gut erkennen, wie besonders diese Burg einmal gewesen sein muss.
Eine alte Burg.
Mitten im Hunsrück.
Nicht oben auf einem riesigen Berg.
Sondern unten im Tal.
Umgeben von Wasser.
Und mit einem Turm, der einfach beschlossen hat, nach 700 Jahren immer noch nicht umzufallen.
Ich glaube, genau deshalb werde ich mich an die Baldenau erinnern.
Jede Burg hat irgendwie ihre eigene Geschichte.
Und diese hier hat sogar einen Burggraben.
Fehlen eigentlich nur noch Krokodile.
Papa sagt, die gab es nicht.
Schade.
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