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Die alten schlafenden Autos


Vor einiger Zeit waren wir an einem Ort irgendwo bei Euskirchen.


Mitten drin? Ausserhalb?


Keine Ahnung.


Was weiss ich schon, wo eine Stadt aufhoert und das Abenteuer anfaengt.


Ich wusste nur, dass irgendwo dort ein Imker seine Bienen untergebracht hatte. Papa hatte mir ausserdem von einem besonderen Ort erzaehlt.


Einem Ort, an dem alte Autos schlafen.

Und wenn Papa so etwas sagt, dann will ich natuerlich wissen, wo.


Also suchten wir.


Erst sah ich nichts.

Nur Baeume, Buesche und Gruen.

Sehr viel Gruen.


Dann standen wir ploetzlich vor einer richtigen Wand aus Aesten, Ranken und Dornen. Alles war so dicht zusammengewachsen, dass ich mir ueberhaupt nicht vorstellen konnte, dass dahinter irgendetwas sein sollte.

Papa schaute hinein.


Dann zu mir.


“Hier sind sie.”


Ich glaube, Erwachsene koennen manchmal durch Buesche gucken.

Ich jedenfalls sah immer noch nichts.


“Folgt mir.”


Papa ging vor und ich gab ihm meine Hand.


Wir zwengten uns zwischen den Aesten hindurch. Dornen blieben an unseren Sachen haengen. Unter meinen Schuhen knackten kleine Zweige und manchmal musste ich meinen Kopf einziehen.


Noch ein paar Schritte.


Und dann wurde ich in eine andere Welt gezogen.


Da waren sie.


Die alten Autos.

Mitten zwischen den Baeumen standen sie einfach da.

Grosse alte Fahrzeuge, die schon so lange nicht mehr gefahren sein mussten, dass der Wald angefangen hatte, sie fuer sich zu behalten.


Rost lag auf dem Metall.

Moos wuchs auf den Hauben.

Aeste lagen ueber den Daechern und schoben sich durch Stellen, an denen frueher vielleicht einmal Fenster gewesen waren.


Bei einem alten Wagen fehlten die Raeder.

Ein anderer hatte noch sein riesiges Lenkrad.

Ich stellte mich davor und schaute ihn lange an.


Vielleicht hatte hier frueher einmal jemand gesessen.

Vielleicht hatte jemand genau dieses Lenkrad festgehalten und war damit ueber Strassen gefahren, die heute ganz anders aussehen.


Vielleicht hatte das Auto einmal irgendwo vor einem Haus gestanden.

Und irgendwann kam der letzte Tag, an dem der Motor lief.


Das Komische ist:

Keiner weiss an diesem Tag, dass es das letzte Mal ist.

Irgendwann wird etwas einfach abgestellt.

Eine Tuer faellt zu.

Jemand geht weg.

Und Jahre spaeter waechst Moos darueber.


Ich ging langsam zwischen den Fahrzeugen hindurch.


Es war still hier.


Nicht richtig still natuerlich. Der Wald raschelt immer irgendwo. Ein Ast knackt. Ein Vogel ruft. Blaetter bewegen sich.

Aber trotzdem fuehlte es sich an, als wuerden diese alten Autos schweigen.


Als haetten sie ganz viele Geschichten erlebt und wuerden sie einfach fuer sich behalten.


Dann musste ich an Nala denken.

Denn Nala war auch einmal hier.

Damals war ich noch nicht dabei.


Aber ich kenne die Bilder.


Ich habe gesehen, wie sie mit Papa an diesem Ort war. Zwischen genau diesen alten Autos. Auf genau diesem Boden.

Und auf einmal war dieser Ort nicht mehr nur spannend.


Er fuehlte sich anders an.

Ich merkte, wie mir eine Traene kam.

Papa sah es.

Er sagte erst gar nichts.


Er legte einfach seine Hand auf meine Schulter.


Ich schaute zu ihm hoch.


“Vermisst du sie auch, Papa?”


Papa schwieg einen Moment.


“Jeden Tag, mein Schatz.”

Dann schaute er zwischen die alten Autos.


“Sie war ein Kind von mir. Und mein Herz tut jeden Tag weh. Aber wenn ich dich und deine Schwester sehe, dann werden die Schmerzen ein bisschen kleiner.”


Ich nahm Papa in den Arm.


Ganz fest.


Und Papa verzog keine Mine.


So ist er eben.


Mein Papa ist unser Fels in der Brandung.


Er heult nie.

Er trainiert.

Er ist stark.


Und manchmal frage ich mich, wie er das eigentlich macht.


Vielleicht sind Erwachsene aber auch gar nicht immer so stark, wie Kinder glauben.


Vielleicht bedeutet stark sein manchmal einfach nur, weiterzugehen, obwohl im Herzen jemand fehlt.


Also gingen wir weiter.


Papa und ich.


Wir schauten uns die alten Fahrzeuge ganz genau an. Das grosse Lenkrad. Die verrosteten Tueren. Die leeren Scheinwerfer. Das Moos, das langsam ueber alles waechst.


Ich stellte mir vor, wie es hier frueher gewesen sein koennte.

Motoren.


Stimmen.


Tueren, die zuschlagen.


Und heute nur noch Wald.


Irgendwann machten wir uns wieder auf den Rueckweg.


Wieder durch die Dornen.


Wieder ueber die kleinen Aeste.


Zurueck zu unserem eigenen Auto.


Bevor ich durch das Gruen verschwand, drehte ich mich noch einmal um.


Die alten Autos blieben dort.


Still.

Vergessen.

Und irgendwie doch nicht ganz.


Denn manchmal bleiben von einem Abenteuer keine grossen Schaetze.


Manchmal bleibt nur ein Bild.

Eine Geschichte.

Eine Hand auf der Schulter.


Und die Erinnerung an jemanden, der denselben Weg schon vor uns gegangen ist.

Vielleicht sind das die Spuren, die wirklich fuer immer bleiben.

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