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Die alte Skischanze


Wie ein Adler.

So sollen die Sportler hier frueher durch die Luft geflogen sein.

Ich stehe unten und schaue nach oben.

Ganz nach oben.


Dorthin, wo einmal Menschen auf Skiern standen, tief Luft holten und sich dann einfach in die Tiefe stuerzten.


Freiwillig.


Ich schaue zu Papa.


„Die sind da wirklich runtergesprungen?“


Papa nickt.

Ich schaue wieder nach oben.

Ganz ehrlich?


Ich weiss nicht, ob ich mich das trauen wuerde.


Wahrscheinlich wuerde ich oben stehen und sagen:

„Papa, wir koennen auch einfach wieder runterlaufen.“


Wir kennen diesen Ort schon.

Vor ein paar Jahren waren wir zum ersten Mal hier.


Damals wurde uns die alte Skischanze von Menschen aus dem Verein gezeigt.

Papa erzaehlt mir noch heute davon.


Von den Geschichten.

Von den Menschen, die hier trainierten.


Und von der Hoffnung, diesen besonderen Ort vielleicht eines Tages wieder herzurichten und zu erhalten.


Damals war diese Hoffnung noch gross.


Doch heute sieht vieles anders aus.


Denn die Zeit wartet auf niemanden.


Nicht auf uns.

Und auch nicht auf alte Skischanzen.


Wir laufen weiter.

Die Natur kommt immer naeher.


Holz wird morsch.

Metall rostet.


Und dort, wo frueher Menschen jubelten, ist es heute still geworden.


Gerade hier im Harz finden wir viele solcher vergessenen Orte.


Eigentlich liebe ich sie.


Diese alten Mauern.

Die Geschichten.

Das Gefuehl, etwas zu entdecken, das einmal eine ganz andere Bedeutung hatte.


Aber manchmal machen mich diese Orte auch traurig.


Papa nennt dieses Gefuehl:

melancholisch.


Ein bisschen traurig.

Aber irgendwie auch schoen.


Denn wenn ich hier stehe, denke ich nicht nur daran, was verschwunden ist.


Ich denke daran, was einmal hier war.

Und ich denke an unseren letzten Besuch.


Damals war vieles anders.

Alva war noch nicht bei uns.

Aber jemand anderes war dabei.

Nala.


Sie ist heute nicht mehr bei uns.


Und trotzdem fuehlt es sich manchmal so an, als waere sie an solchen Orten noch ein kleines bisschen da.


Papa hat mir einmal etwas gesagt, das ich seitdem nicht vergessen habe:

„An jedem Ort, den wir gemeinsam besuchen, hinterlassen wir winzige Spuren unserer Seele.“


Ich weiss nicht, ob man solche Spuren sehen kann.


Wahrscheinlich nicht.

Aber vielleicht muss man das auch gar nicht.

Vielleicht kann man sie fuehlen.


In einer Erinnerung.

In einem Foto.


In einem kleinen Gedanken, der ploetzlich wieder da ist.

Und vielleicht treffen wir uns deshalb an manchen Orten immer wieder.


Mit Menschen.

Mit Tieren.

Mit Freunden.


Auch wenn sie irgendwann nicht mehr neben uns stehen koennen.

Ich schaue noch einmal zur alten Schanze.


Vielleicht sind auch von den Menschen, die hier frueher gesprungen sind, solche Spuren geblieben.

Von einem Jungen, der zum ersten Mal oben stand und Angst hatte.


Von jemandem, der hier seinen groessten Sprung geschafft hat.

Von Eltern, die unten gewartet haben.

Von Freunden, die gejubelt haben.


Von all den kleinen Geschichten, deren Namen heute niemand mehr kennt.


Die Schanze zerfaellt.

Die Menschen sind gegangen.


Aber das bedeutet nicht, dass alles verschwunden ist.

Solange sich jemand erinnert, bleibt immer etwas zurueck.


Und dann kommt die Sonne durch die Wolken.

Nur fuer einen Moment.


Papa schaut zu mir.

Ich zu ihm.


Und irgendwie fuehlt sich alles wieder ein bisschen leichter an.

Denn vielleicht gehoeren auch die schweren Gedanken zu unseren Abenteuern.


Sie kommen.

Sie bleiben einen Moment.

Und irgendwann ziehen sie wieder weiter.

Was bleibt, ist etwas anderes.

Die gemeinsamen Wege.

Die Erinnerungen.


Und die Liebe zu denen, mit denen wir sie gegangen sind.

Vielleicht hatte Papa also recht.


Unsere Spuren verwehen.

Doch ein Stueck unserer Seele bleibt auf jedem Weg.


Und irgendwo hier…

zwischen der alten Skischanze, dem Harzer Wald und all unseren Erinnerungen…

ist deshalb auch Nala noch ein kleines bisschen bei uns.

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