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Die alte Kalkbrennerei


Manchmal findet man Abenteuer nicht, weil man sie sucht.


Manchmal stehen sie einfach irgendwo zwischen Baeumen und warten darauf, dass man sie entdeckt.


So war es auch an diesem Tag.


Papa und ich waren unterwegs.


Irgendwo bei Euskirchen.


Wir hatten keinen grossen Plan. Eigentlich wollten wir nur schauen, was sich hier zwischen den Baeumen versteckt.


Und dann sah ich etwas.


Erst nur ein Stueck Mauer.


Alt.

Rotbraun.


Fast vollkommen hinter Bueschen und Baeumen verschwunden.


“Papa, was ist das?”


Papa blieb stehen und schaute hinueber.


“Das war mal eine Kalkbrennerei.”


Eine Kalkbrennerei.


Ich wusste natuerlich nicht, was das sein sollte.


Also erklaerte Papa mir, dass hier frueher Kalk hergestellt wurde. Dass Menschen hier gearbeitet haben und dass dieser ruhige Ort einmal ganz anders ausgesehen haben muss.


Heute war davon kaum noch etwas zu merken.


Keine Menschen.

Kein Laerm.

Keine Arbeit.

Nur Wald.

Wir gingen naeher.


Vor uns ragten alte Mauern zwischen den Baeumen auf. Manche Stellen waren schon so stark ueberwachsen, dass ich nicht wusste, wo die Kalkbrennerei aufhoerte und der Wald anfing.


Dann entdeckten wir die Maschine.


Und die war riesig.


Ein grosses eisernes Rad stand dort zwischen den Baeumen.


Daneben Zahnraeder.

Wellen.

Dicke Metallteile.

Alles voller Rost.


Ich stellte mich davor und musste erst einmal nach oben schauen.


“Papa! Guck mal!”


Papa musste lachen.


“Ich sehe es.”


Ich setzte mich vorsichtig davor.


Jetzt war ich ein kleiner Mensch vor einer riesigen Maschine, die schon lange niemand mehr angeschaltet hatte.


Wie alt sie wohl war?


Wer hatte hier gearbeitet?


Und was fuer ein Geraeusch hatte dieses grosse Rad gemacht, als es sich noch drehte?


Vielleicht hatte es gerattert.

Vielleicht hatte der Boden ein bisschen gebebt.

Vielleicht mussten die Maenner hier laut miteinander reden, damit sie sich ueberhaupt verstehen konnten.


Ich versuchte mir vorzustellen, wie dieser Ort frueher ausgesehen haben koennte.


Menschen gingen ueber Wege, die heute verschwunden sind.


Haende griffen nach Werkzeugen.

Maschinen bewegten sich.

Irgendwo wurde gerufen.


Und dieses grosse Rad drehte sich immer weiter.


Heute bewegte sich nichts mehr.

Nicht einmal ein kleines bisschen.

Ein Baum wuchs direkt daneben.

Blaetter lagen auf dem alten Metall.

Moos kroch ueber die Steine.


Der Wald hatte sich seinen Platz zurueckgeholt.

Ich glaube, die Natur ist ziemlich geduldig.

Sie wartet einfach.


Ein Jahr.

Zehn Jahre.

Noch viel laenger.


Und irgendwann wachsen Baeume dort, wo einmal Menschen gearbeitet haben.

Ich ging noch ein Stueck weiter und entdeckte wieder Mauern zwischen dem Gruen.


Sie wirkten von weitem fast wie die Reste einer kleinen Burg.

Nur dass hier wahrscheinlich keine Ritter gewesen waren.


Sondern Arbeiter.


Menschen, deren Namen ich nicht kenne.

Vielleicht hatte einer von ihnen Kinder.


Vielleicht kam er abends nach Hause und seine Kinder fragten ihn, was er den ganzen Tag gemacht hatte.

So wie ich Papa manchmal frage.


Und vielleicht hat irgendwo einmal ein kleiner Junge gestanden und seinem Papa bei der Arbeit zugesehen.

Das werden wir wohl nie erfahren.


Aber genau das mag ich an solchen Orten.


Man sieht etwas Altes.


Und ploetzlich beginnen im Kopf tausend kleine Geschichten.


Papa und ich schauten uns noch eine ganze Weile um.

Dann blieb ich noch einmal vor dem grossen Rad stehen.

Ich legte meine Hand an das kalte Metall.

Es bewegte sich natuerlich nicht.

Trotzdem fuehlte es sich fuer einen Moment so an, als koennte man die Zeit darunter noch irgendwo spueren.


Ganz tief im Rost.


Dann gingen wir zurueck.


Zwischen den Baeumen hindurch.

Durch Blaetter und ueber kleine Aeste.

Ich drehte mich noch einmal um.


Schon nach wenigen Metern verschwand die alte Kalkbrennerei wieder hinter dem Gruen.


Als waere sie gar nicht da.

Aber jetzt wusste ich es besser.


Dort zwischen den Baeumen steht noch immer dieses riesige alte Rad.


Es dreht sich nicht mehr.

Die Menschen sind laengst gegangen.

Und der Wald waechst weiter.


Vielleicht ist Vergessen manchmal genau das.


Etwas verschwindet langsam.

Nicht auf einmal.

Sondern Blatt fuer Blatt.

Ast fuer Ast.

Jahr fuer Jahr.

Bis irgendwann jemand vorbeikommt, stehen bleibt und fragt:


“Papa, was ist das?”


Und fuer einen kleinen Moment beginnt sich das alte Rad wieder zu drehen.


Zumindest in unserer Fantasie und in unseren Gedanken so ist es nie vergessen ..

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