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Der alte Audi hinter dem Zaun

Eigentlich wollten wir hier gar kein Abenteuer erleben.


Wir waren auf dem Weg zur Schwaebischen Alb und irgendwann brauchten wir einfach eine kleine Pause.


Mitten in einem kleinen Ort fanden wir eine Schule.

Einen Fussballplatz.

Eine Laufbahn.

Ein bisschen Sonne.


Perfekt.


Papa und ich schnappten uns den Ball und kickten ein bisschen.

Mama und Alva machten es sich waehrenddessen auf einer Decke gemuetlich.


Nichts Besonderes eigentlich.


Nur einer dieser kleinen Zwischenstopps auf einer langen Fahrt, an die man sich wahrscheinlich irgendwann gar nicht mehr erinnern wuerde.


Bis ich aufs Klo musste.


Auf dem Weg entdeckte ich einen Zaun.


Und wie das eben so ist, wenn man fuenf Jahre alt ist:


Wenn irgendwo ein Zaun ist, muss man natuerlich schauen, was dahinter ist.


Ich blieb stehen.


Papa! Mama! Kommt mal! Was ist DAS?

Hinter dem Zaun fuehrte ein kleiner, fast zugewachsener Weg zwischen Baeumen und alten Gebaeuden hindurch.


Also gingen wir ein Stueck weiter.

Und dann sahen wir ihn.


Mitten zwischen Brennnesseln, Efeu und Baeumen stand ein altes Auto.


Rot war es einmal gewesen.


Heute bestand seine Farbe aus Rost, Moos und den letzten Resten eines Lebens, das schon lange vorbei war.


Die Natur hatte begonnen, es zurueckzuholen.


Aeste lagen ueber der Motorhaube.

Moos wuchs auf dem alten Lack.

Spinnweben zogen sich durch den Innenraum und dort, wo frueher einmal Scheinwerfer die Strasse erhellten, waren nur noch dunkle Loecher.


Ein alter Audi.

Wie lange er dort wohl schon steht?

Keine Ahnung.

Und ploetzlich musste ich daran denken, dass dieses Auto einmal ganz anders ausgesehen haben muss.


Vielleicht hat jemand es damals stolz vom Haendler abgeholt.


Vielleicht sassen Kinder auf der Rueckbank.

Vielleicht ging es damit in den Urlaub.

Vielleicht zur Arbeit.

Vielleicht zu einem ersten Date.


Vielleicht lief im Radio irgendein Lied, das jemand bis heute mit diesem Auto verbindet.

Tausende Kilometer koennten unter diesen Raedern vorbeigezogen sein.


Regen. Schnee. Sommerabende.

Menschen stiegen ein und wieder aus.

Und irgendwann …

zum letzten Mal.


Irgendjemand stellte den Wagen hier ab, zog vielleicht den Schluessel aus dem Zuendschloss und schloss die Tuer.


Ohne zu wissen, dass sie vielleicht nie wieder geoeffnet werden wuerde.

Heute zeigt der Tacho nichts mehr.

Das Lenkrad bewegt niemand mehr.

Und durch die Scheiben schaut kein Fahrer mehr auf die Strasse.

Nur die Natur ist geblieben.

Und jedes Jahr nimmt sie sich ein kleines Stueck mehr.

Wir standen noch eine Weile dort.


Papa und ich schauten durch die Scheiben, entdeckten das alte Lenkrad mit den vier Ringen und versuchten uns vorzustellen, wie dieser Wagen wohl ausgesehen hatte, als er noch ueber die Strassen fuhr.


Seine Geschichte haben wir nicht herausgefunden.

Vielleicht ist das aber auch gar nicht schlimm.

Manche Geschichten muessen nicht vollstaendig erzaehlt werden.

Manchmal reicht es, sie fuer einen kurzen Moment zu finden.

Dann gingen wir zurueck zu Mama und Alva.


Der Ball kam wieder in den Bus.

Die Tueren fielen ins Schloss.

Und unsere Reise zur Schwaebischen Alb ging weiter.

Der alte Audi blieb zurueck.

Zwischen Baeumen, Moos und Erinnerungen.

Und irgendwie war mir beim Weggehen ein bisschen schwer ums Herz.

Denn vielleicht ist genau das das Seltsame an alten Dingen:


Sie erinnern uns daran, dass alles einmal neu war.
Dass alles eine Geschichte hatte.
Und dass irgendwann nur noch jemand kommen muss, der sie fuer einen Augenblick wiederentdeckt.



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