

Burgruine Balduinseck
die Burg von Balduin
Manchmal sieht eine Burg so aus, als hätte jemand einfach einen riesigen steinernen Kasten mitten in die Landschaft gestellt..
Bei Balduinseck war das ungefähr mein erster Gedanke.
Wir waren im Hunsrück unterwegs, zwischen Buch und Mastershausen, und schon von unten konnte man diesen gewaltigen alten Wohnturm sehen.
„Papa.. ist DAS die Burg?“
Papa nickte.
Okay.
Die konnte man wirklich schlecht übersehen.
Obwohl heute ziemlich viel fehlt, steht der große Wohnturm immer noch da.
Und der ist mittlerweile ungefähr 700 Jahre alt.
700 Jahre..
Ich musste erstmal überlegen, wie viele Geburtstage das eigentlich sind.
Sehr viele.
Gebaut wurde Balduinseck ab 1325.
Und der Mann dahinter hieß Balduin von Luxemburg.
Der war kein Ritter.
Balduin war Erzbischof und Kurfürst von Trier – und einer der mächtigsten Männer seiner Zeit.
Er kümmerte sich nämlich nicht nur um die Kirche, sondern herrschte auch über ein großes Gebiet.
Und Balduin baute ziemlich gerne Burgen.
Nicht einfach, weil Burgen schön aussehen.
Sondern weil man mit einer Burg ziemlich deutlich sagen konnte:
Hier bestimme ich.
Bei Balduinseck war das besonders wichtig.
Ganz in der Nähe lag nämlich Kastellaun.
Dort saßen die Grafen von Sponheim.
Und mit denen war Balduin nicht unbedingt bester Freund.
Also ließ er nahe der Grenze seines Gebietes eine neue Burg errichten, um seine Besitzungen im Hunsrück zu sichern.
Die Ritter Richard und Wirich von Buch erlaubten ihm 1325, auf ihrem Gebiet einen Burgfrieden abzustecken und die neue Feste zu bauen.
Und Balduin baute nicht gerade klein.
Vor uns stand einmal ein gewaltiger viergeschossiger Wohnturm.
Ungefähr 22,70 Meter lang und 14,50 Meter breit.
Drinnen gab es mehrere große Kamine.
Eine Wendeltreppe führte durch die Stockwerke.
Und im Erdgeschoss befand sich sogar ein Brunnen.
„Warum braucht man einen Brunnen IM Haus?“
Papa erklärte mir, dass man bei einer Belagerung vielleicht ziemlich lange nicht nach draußen konnte.
Ach so.
Dann ist Wasser im Haus wahrscheinlich tatsächlich eine ziemlich gute Idee.
Ich hätte zusätzlich noch einen Kühlschrank eingebaut.
Aber den gab es 1325 leider noch nicht.
Die ganze Burg war ungefähr 55 Meter lang und lag auf einem schmalen Felsrücken. Der Bach läuft auf mehreren Seiten um den Burgplatz herum.
Also wieder ziemlich clever gebaut.
Wer angreifen wollte, musste erstmal irgendwie hierherkommen.
Und dann warteten oben dicke Mauern auf ihn.
Das Spannende an Balduinseck ist aber dieser riesige Wohnturm.
Denn Papa erklärte mir, dass seine Bauweise an Burgen erinnert, wie man sie damals weiter westlich kannte.
So einen großen befestigten Wohnturm nennt man auch Donjon.
„Don-Schong?“
Papa hat es nochmal gesagt.
Ich auch.
Meins klang anders.
Egal.
Ich nenne ihn einfach Riesenturm.
Zwischen 1325 und etwa 1330/32 entstand hier jedenfalls eine für den Hunsrück ziemlich außergewöhnliche Burg.
Und dann passierte etwas, das bei Burgen irgendwie öfter passiert.
Die große Gefahr, wegen der man sie gebaut hatte..
wurde kleiner.
Balduin einigte sich Mitte des 14. Jahrhunderts mit den Grafen von Sponheim.
Damit verlor Balduinseck einen Teil ihrer militärischen Bedeutung.
Aber nutzlos war die Burg deshalb nicht.
Sie wurde zum Verwaltungssitz des Amtes Balduinseck.
Hier saß also ein Amtmann und kümmerte sich um Balduins Gebiet.
Eigentlich ein mittelalterliches Büro.
Nur mit meterdicken Mauern.
Das würde bei uns im Rathaus wahrscheinlich ein bisschen übertrieben aussehen.
Später wurde der Verwaltungssitz verlegt.
Und irgendwann brauchte niemand die Burg mehr so richtig.
Das finde ich bei Balduinseck besonders interessant:
Sie wurde offenbar nicht in einer großen Schlacht zerstört.
Keine riesige Armee stürmte die Mauern.
Niemand sprengte den Turm in die Luft.
Die Burg wurde einfach immer unwichtiger.
Im 17. Jahrhundert gab man sie als Amtssitz auf.
1707 wurde sie bereits als baufällig beschrieben.
1780 war von der Ruine Balduinseck die Rede.
Und dann passierte jahrhundertelang das, was bei verlassenen Burgen eben passiert.
Dächer verschwinden.
Holzböden verrotten.
Steine fallen herunter.
Pflanzen wachsen in die Mauern.
Und aus einem Ort voller Menschen wird irgendwann ein stiller Haufen alter Steine.
Nur dieser gewaltige Wohnturm blieb.
Wenn man heute davorsteht und nach oben schaut, kann man sich kaum vorstellen, dass darin einmal mehrere Stockwerke waren.
Zimmer.
Treppen.
Feuer in den Kaminen.
Menschen, die hier gearbeitet, gegessen und geschlafen haben.
Vielleicht Kinder, die genauso neugierig durch die Burg gelaufen sind wie ich heute.
Das mag ich an Ruinen.
Man sieht eigentlich nur noch die Hälfte.
Den Rest muss man sich im Kopf wieder hinbauen.
Ich habe jedenfalls ziemlich lange nach oben geguckt.
Dann zu Papa.
Und nochmal nach oben.
„Papa..“
„Ja?“
„Wenn Balduin so viele Burgen gebaut hat..“
Papa guckte mich schon so an.
„…dann müssen wir die anderen eigentlich auch noch suchen.“
Er hat nichts gesagt.
Ich glaube, das bedeutet ja.
Bildergalerie














