

Burg Wernerseck
zwischen alten Mauern und Drachen
Manchmal fahren wir gar nicht weit weg und finden trotzdem Orte, die aussehen, als wären wir plötzlich irgendwo in einer anderen Zeit gelandet..
Diesmal waren wir bei Plaidt unterwegs.
Papa hatte gesagt:
„Heute suchen wir eine Burg.“
Das machen wir ja öfter.
Aber diese Burg konnte man nicht einfach mit dem Auto anfahren.
Also ging es erstmal zu Fuß weiter.. durch den Wald, über kleine Wege und immer näher an die Nette.
Und irgendwann sah ich sie.
Oben auf einem schmalen Felsen zwischen den Bäumen.
Burg Wernerseck.
Und die sah irgendwie anders aus als viele andere Burgen, die wir schon gesehen haben.
Da stand dieser riesige eckige Turm.
Daneben alte runde Türme.
Mauern überall.
Und mittendrin führte ein kleiner Weg nach oben.
„Papa.. die ist ja noch richtig groß!“
Ist sie tatsächlich.
Und vor allem ist sie richtig alt.
Die Burg Wernerseck wurde zu Beginn des 15. Jahrhunderts gebaut.
Lange ging man davon aus, dass der Bau erst um 1401 unter dem Trierer Erzbischof Werner von Falkenstein begann.
Aber Papa hat mir erzählt, dass Forscher inzwischen etwas Spannendes herausgefunden haben.
Teile des großen Wohnturms könnten sogar noch älter sein.
Untersuchungen an alten Bauhölzern deuten darauf hin, dass bereits zwischen 1362 und 1377 unter Erzbischof Kuno II. von Falkenstein mit dem Turm begonnen wurde. Unter Werner von Falkenstein wurde er schließlich weitergebaut und um 1394 fertiggestellt.
Also über 600 Jahre alt.
Ich musste natürlich wieder kurz überlegen, wie viele Geburtstage das sind.
Sehr viele.
Aber Werner ließ die Burg nicht bauen, weil er einen schönen Platz für seinen Garten gesucht hatte.
Hier ging es um Macht.
Das Gebiet gehörte damals zum Einflussbereich verschiedener Herren und Erzbischöfe.
Werner von Falkenstein war Erzbischof von Trier und stritt sich unter anderem mit dem benachbarten Erzbischof von Köln um dieses Gebiet.
Also setzte Werner einfach eine Burg hierhin.
So nach dem Motto:
Das hier gehört jetzt mir.
Papa sagt, dass Politik heute ein bisschen komplizierter funktioniert.
Manchmal.
Die Lage war jedenfalls perfekt.
Wernerseck steht auf einem schmalen Felsgrat hoch über einer Schleife der Nette. Von hier konnte man das Gebiet kontrollieren und gleichzeitig die Burg ziemlich gut verteidigen.
Das Verrückte ist:
Während die Burg gebaut wurde, änderten sich die Grenzen schon wieder.
Damit verlor Wernerseck einen Teil der Aufgabe, für die sie eigentlich gebaut worden war.
Das fand ich irgendwie lustig.
So lange eine riesige Burg bauen..
und dann verschiebt jemand die Grenze.
Später wurde Wernerseck deshalb vor allem zur Verwaltung des Gebietes genutzt.
1412 wird Konrad Kolbe von Boppard als erster Amtmann der Burg genannt.
Aber ich wollte erstmal den großen Turm sehen.
Und der ist wirklich riesig.
Etwa 22 Meter hoch, vier Stockwerke und mit Mauern, die teilweise ungefähr zweieinhalb Meter dick sind.
Da drin wurde früher sogar gewohnt.
Deshalb nennt man ihn auch Wohnturm oder Donjon.
Und eine kleine Kapelle gab es darin ebenfalls.
„Also haben die Ritter im Turm geschlafen?“
Ja.
„Und gebetet?“
Auch.
„Und gegessen?“
Wahrscheinlich auch.
Okay.
Dann war das eigentlich ein ziemlich großes Ritterhaus.
Nur mit zweieinhalb Meter dicken Wänden.
Was ich noch viel besser fand:
Der Eingang zum Turm lag früher hoch über dem Boden.
Nicht einfach Tür auf und rein.
Das war natürlich Absicht. Wer nicht eingeladen war, sollte schließlich möglichst schlecht hineinkommen.
Heute sieht die ganze Burg sowieso ziemlich wehrhaft aus.
Die Anlage ist ungefähr fünfeckig und wurde von mehreren Rundtürmen geschützt.
Und hier kann man noch etwas entdecken, das damals ziemlich modern war.
In einem der Rundtürme gab es Schießscharten für frühe Handfeuerwaffen.
Um 1408 war das richtig neue Technik.
Papa meinte:
„Das war damals ungefähr Hightech.“
Okay.
Eine Ritterburg mit Hightech.
Damit hatte ich nicht gerechnet.
Feuerwaffen waren zu dieser Zeit noch selten und teuer. Werner von Falkenstein kannte diese neue Technik aber offenbar bereits und ließ seine Burg entsprechend ausstatten.
Wir liefen weiter durch die alten Mauern.
Überall konnte man noch etwas entdecken.
Reste alter Räume.
Türme.
Maueröffnungen.
Und irgendwann wurde es plötzlich ziemlich seltsam.
Denn zwischen den Felsen schaute mich etwas an.
Ein Kopf.
Aus Stein.
„PAPA!“
Da war noch einer.
Und noch einer.
Zwischen Moos, Felsen und Bäumen versteckten sich überall diese merkwürdigen steinernen Gestalten.
Manche sahen ein bisschen aus wie Menschen.
Andere eher wie irgendwelche Wesen.
Und einer sah für mich ganz eindeutig aus wie ein Drache.
Damit war die Sache natürlich geklärt.
Wir waren nicht mehr auf Burg Wernerseck.
Wir waren auf einer Drachenburg.
Papa meinte zwar, dass diese Figuren nicht aus der mittelalterlichen Bauzeit der Burg stammen.
Aber das war mir eigentlich egal.
Drache ist Drache.
Also bin ich weiter durch den Wald gelaufen und habe gesucht.
Vielleicht waren da noch mehr.
Vielleicht bewachten sie irgendetwas.
Vielleicht gibt es irgendwo unter Wernerseck einen geheimen Drachenschatz.
Papa sagt, dafür gibt es keinerlei historische Beweise.
Papa sagt sowas ziemlich oft.
Dabei gibt es hier tatsächlich noch ein viel älteres Geheimnis.
Denn Wernerseck war offenbar nicht die erste Befestigung an diesem Platz.
Im Gelände und in den Mauern finden sich Spuren einer älteren Anlage. Teile davon wurden beim Bau der späteren Burg sogar wiederverwendet. Wie genau diese ältere Befestigung aussah und welche Geschichte sie hatte, ist bis heute nicht vollständig geklärt.
Das finde ich fast noch spannender.
Eine Burg..
auf den Resten einer noch älteren Burg.
Und niemand weiß mehr alles darüber.
Vielleicht standen hier schon Menschen auf dem Felsen, lange bevor Werner von Falkenstein überhaupt geboren wurde.
Später wechselte Wernerseck immer wieder seine Besitzer.
Schon 1425 wurde die Burg verpfändet. Im 16. Jahrhundert gelangte sie an die Familie von Eltz, und irgendwann im 17. Jahrhundert begann sie langsam zu verfallen.
Dächer verschwanden.
Räume wurden unbewohnbar.
Mauern zerfielen.
Der Wald kam zurück.
Und irgendwann wurde aus der mächtigen Burg eine Ruine.
Zum Glück hat man sie nicht einfach komplett verschwinden lassen.
Vor allem der große Wohnturm war irgendwann so gefährdet, dass er umfangreich gesichert werden musste. Zwischen 2004 und 2007 wurde er saniert. Heute gehört Wernerseck der Gemeinde Ochtendung.
Und deshalb können wir heute noch zwischen diesen Mauern herumlaufen.
Was mir hier aber am besten gefallen hat?
Nicht der große Turm.
Nicht die dicken Mauern.
Nicht einmal die Aussicht.
Es waren diese komischen Figuren im Wald.
Weil eine über 600 Jahre alte Burg sowieso schon ziemlich spannend ist..
aber eine über 600 Jahre alte Burg mit Drachen im Wald ist natürlich besser.
Als wir zurückgelaufen sind, habe ich nochmal zwischen die Bäume geguckt.
Nur zur Sicherheit.
Vielleicht bewegt sich ja doch einer.
Papa sagt nein.
Ich bin mir da noch nicht so sicher..
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