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Burg Stahlberg

die Burg mit zwei Türmen


Papa hatte diesmal schon vorher gesagt:

„Ragnar, die Burg heute ist ein bisschen besonders.“


Das sagt Papa ziemlich oft.


Und meistens bedeutet es, dass ich danach wieder ungefähr hundert Fragen habe.

Diesmal ging es nach Bacharach-Steeg.


Nicht direkt zu der großen Burg Stahleck, die man über Bacharach schon von weitem sieht.

Wir wollten zu einer anderen.

Etwas versteckter.


Zur Burgruine Stahlberg.


Also ging es hoch Richtung Wald und irgendwann tauchten zwischen den Bäumen die ersten alten Mauern auf.


Und ziemlich schnell habe ich gemerkt:


Hier steht nicht nur ein Turm.

Hier stehen zwei.


„Papa.. warum braucht eine Burg zwei Bergfriede?“


Gute Frage.


Denn normalerweise hat eine Burg einen großen Hauptturm.

Stahlberg dachte sich anscheinend:


Nö.

Wir nehmen zwei.



Und genau das macht diese Burg heute noch besonders.

Die Anlage besteht aus einem höher und einem tiefer gelegenen Bereich – und beide wurden jeweils von einem eigenen Bergfried gesichert.

Noch heute stehen sich der rechteckige Turm der Oberburg und der runde Turm der Unterburg gegenüber.

Also mussten wir natürlich beide anschauen.


Ich finde ja, dass der eckige Turm ein bisschen ernster aussieht.

Der runde sieht mehr nach richtiger Ritterburg aus.


Papa meinte, dass ich das den Burgenforschern ja mal erklären könnte.


Mach ich vielleicht.


Die Stahlberg ist jedenfalls richtig alt.


Neuere Untersuchungen zeigen, dass die Burg bereits um die Mitte des 12. Jahrhunderts entstanden ist.


Die Stadt Bacharach gibt an, dass sie kurz vor 1155 durch das Erzbistum Köln gegründet wurde; historische Forschungen datieren ihre Entstehung etwa auf 1157/58.


Über 850 Jahre.

Ich musste wieder kurz überlegen, wie viele Geburtstage das sind.

Sehr viele.


Und das Verrückte ist:

Die beiden Teile der Burg wurden offenbar nicht irgendwann mit hundert Jahren Abstand zusammengebastelt. Neuere Untersuchungen sprechen dafür, dass die zweiteilige Anlage von Anfang an zusammen geplant und innerhalb relativ kurzer Zeit gebaut wurde.


Die wollten also wirklich zwei Türme.


Gefällt mir.


Stahlberg gehörte damals zu einem ganzen Netz von Burgen rund um Bacharach.

Zusammen mit der Burg Stahleck half sie dabei, das Gebiet und die wichtigen Wege rund um Bacharach zu sichern. Spätestens 1243 kam Stahlberg an die pfälzischen Wittelsbacher. Stahlberg und Stahleck bildeten danach einen wichtigen Teil der südlichen Verteidigung des Bacharacher Gebietes.


Das muss früher ziemlich beeindruckend gewesen sein.

Unten Bacharach und der Rhein.

Oben Stahleck.

Und etwas weiter im Tal unsere Stahlberg.

Überall Mauern.

Türme.

Wachen.

Pferde.


Und wahrscheinlich ständig irgendeiner, der wissen wollte, wem jetzt eigentlich welche Burg gehört.


Denn bei Stahlberg wurde es später ziemlich kompliziert.


Die Burg wurde verliehen.

Verpfändet.

Zurückgegeben.

Wieder verpfändet.

Grafen, Pfalzgrafen und Erzbischöfe stritten um Rechte und Besitz.


Papa hat versucht, mir das alles zu erklären.

Ich glaube, ich habe ungefähr die Hälfte verstanden.

Vielleicht auch weniger.


Aber eines habe ich verstanden:

So eine Burg war damals richtig wertvoll.


Sie war nicht einfach nur ein großes Haus mit dicken Mauern.

Wer eine Burg kontrollierte, konnte ein ganzes Gebiet kontrollieren.

Und hier lebten natürlich auch Menschen.


Innerhalb der Mauern standen Wohn- und Wirtschaftsgebäude und sogar eine Kapelle St. Peter gehörte zur Burg.

Wenn man heute durch die Ruine läuft, muss man sich das alles wieder dazudenken.


Dächer über den Mauern.

Holzböden.

Türen in den Öffnungen.

Feuerstellen.

Menschen.

Vielleicht ein Pferd irgendwo im Hof.

Und oben auf den Türmen jemand, der in die Landschaft schaut.


Heute ist es dort viel ruhiger.

Aber irgendwann wurde es auf Stahlberg ziemlich unruhig.

Sehr sogar.


Im Dreißigjährigen Krieg wurde die Burg immer wieder eingenommen. 1620 kamen spanische Truppen, 1632 schwedische Soldaten, und auch andere Kriegsparteien besetzten die Anlage.

Dabei wurde Stahlberg schwer beschädigt.


„Und dann war sie kaputt?“

Noch nicht ganz.

Denn ein paar Jahrzehnte später kam das endgültige Ende.


Im Jahr 1689, während des Pfälzischen Erbfolgekrieges, kamen französische Truppen Ludwigs XIV.

Und diesmal wurde die Burg gesprengt.

Gesprengt.


Ich musste natürlich sofort fragen:


„Mit richtigem Pulver?“


Ja.


Damals wurden Burgen und Befestigungen gezielt unbrauchbar gemacht, damit sie später nicht wieder von einem Gegner benutzt werden konnten.


Und danach wurde Stahlberg nie wieder zu der Burg, die sie einmal gewesen war.

Die Dächer verschwanden.

Gebäude zerfielen.


Mauern brachen zusammen.

Der Wald kam immer näher.

Und irgendwann standen nur noch die Reste da.

Aber zum Glück ziemlich viele davon.


Denn genau das fand ich an Stahlberg richtig cool.

Hier wurde nicht alles wieder schön aufgebaut.

Man sieht noch eine echte Ruine.


Mauern, die plötzlich aufhören.

Fenster, hinter denen kein Zimmer mehr ist.

Ein altes Burgtor.

Und natürlich diese beiden Türme.


Der runde Bergfried steht direkt hinter der alten Schildmauer und dem Torbereich. Weiter oben auf einem Felsen befinden sich die Reste des älteren rechteckigen Bergfrieds.

Wenn man dazwischensteht, kann man sich richtig gut vorstellen, wie groß die Burg einmal gewesen sein muss.

Und gleichzeitig merkt man, wie viel Zeit vergangen ist.

Mehr als 850 Jahre.


Kriege.

Grafen.

Erzbischöfe.

Soldaten.


Menschen, deren Namen heute niemand mehr kennt.

Und die beiden Türme stehen immer noch da.

Okay..

ein bisschen kaputter als früher.

Aber sie stehen.


Seit 1912 gehört die Ruine übrigens dem Rheinischen Verein für Denkmalpflege und Landschaftsschutz, der sich darum kümmert, dass das alte Gemäuer erhalten bleibt.


Heute kann man die Burgruine frei besuchen. Keine Kasse und keine große Touristenburg – einfach ein altes Burggelände, durch das man selbst auf Entdeckung gehen kann.

Und genau solche Burgen mag ich.


Man muss ein bisschen suchen.

Ein bisschen klettern.

Ganz viel gucken.

Und den Rest im Kopf wieder aufbauen.

Bevor wir gegangen sind, habe ich nochmal zwischen den beiden Türmen gestanden.


Ein runder.

Ein eckiger.

Über 850 Jahre alt.


„Papa.. wenn wir irgendwann eine Burg bauen, bekommen wir auch zwei Türme.“

Papa hat nichts gesagt.

Ich werte das als Ja.



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