

Abenteuer im Binger Wald
Hallo ihr Lieben,
es hatte so viel geregnet.
Immer wieder Regen.
Und irgendwann hatte ich das Gefuehl, dass wir endlich wieder raus mussten.
Raus aus dem Haus.
Rein in den Wald.
Rein ins naechste Abenteuer.
Also machten Mama, Papa und ich uns auf den Weg in den Binger Wald.
Und schon nach den ersten Metern wusste ich wieder, warum ich den Wald so gerne mag.
Ueberall war Gruen.
Die Aeste und Blaetter waren ueber uns wie ein riesiges Dach und vor uns fuehrte der Weg immer tiefer hinein.
Fast so, als wuerden wir durch ein riesiges gruenes Zelt laufen.
Unter meinen Schuhen lagen die nassen Blaetter wie ein weicher Teppich.
Es roch nach Regen.
Nach Erde.
Nach Wald.
Und dann konnte ich nicht mehr langsam gehen.
Ich lief los.
Denn irgendwo da vorne musste doch etwas auf uns warten.
Das erste Abenteuer liess auch gar nicht lange auf sich warten.
Vor uns war ploetzlich eine Hoehle aus Blaettern und Aesten.
Dunkel.
Und natuerlich hatten wir keine Taschenlampe dabei.
Aber Angst?
Nein.
Also rein da.
Auf einer Tafel entdeckten wir danach all die Tiere, die hier im Wald leben.
Ein Weberknecht.
Ein Maulwurf.
Und noch viele andere.
Ich schaute Mama und Papa an.
“Vielleicht sehen wir heute noch eins davon… oder, Mama? Papa?”
Beide nickten.
Also Augen auf.
Wir liefen weiter.
Bis wir mitten im Wald an einen kleinen Platz kamen.
Hier standen ueberall Schilder und vor uns entdeckte ich einen Krug.
“Was ist das hier, Papa?”
Papa las das Schild.
Dann grinste er.
“Such dir mal drei Steine, Ragnar.”
Mehr musste er nicht sagen.
Ich lief los.
Einen.
Zwei.
Drei.
Mit meinen drei Steinen kam ich zurueck und wir zogen mit unseren Fuessen eine Linie auf den Boden.
Papa suchte sich auch drei Steine.
“Wer die meisten in den Krug bekommt, gewinnt.”
Na gut.
Das konnte er haben.
Der erste Stein flog.
Daneben.
Noch einer.
Treffer!
Am Ende hatte ich zwei Steine im Krug.
Papa nur einen.
Ich hatte gewonnen!
Papa lachte und gab mir die Hand.
“Das haben die roemischen Kinder frueher gespielt. Gar nicht so doof, oder?”
Nein.
Ganz und gar nicht.
Vielleicht hatte hier vor ganz, ganz langer Zeit wirklich einmal ein Kind gestanden und genauso einen Stein geworfen wie ich.
Vielleicht hatte es sich genauso gefreut, wenn es getroffen hatte.
Der Gedanke war irgendwie komisch.
Und irgendwie schoen.
Wir probierten noch andere Spiele aus und machten uns danach auf den Weg zu einem Ort, an dem diese Vergangenheit noch ein kleines bisschen zu sehen ist.
Zur Villa Rustica.
Papa erzaehlte mir, dass hier einmal ein roemischer Gutshof gestanden hatte.
Ungefaehr vom 2. Jahrhundert bis in das fruehe 5. Jahrhundert.
Heute waren davon nur noch Mauerreste uebrig.
Ich stand davor und versuchte mir vorzustellen, wie es hier frueher ausgesehen haben koennte.
Vielleicht waren hier Menschen herumgelaufen.
Vielleicht Kinder.
Vielleicht haben sie gespielt.
Vielleicht haben sie genau denselben Wald gesehen.
Nur eben vor sehr, sehr langer Zeit.
Heute gehoert der Platz wieder der Natur.
Und irgendwie passt das.
Wir liefen weiter.
Ueber Holzstege, die sich durch den Wald schlängelten.
Vorbei an seltsamen Baeumen, die aussahen, als wuerden sie verkehrt herum dastehen.
Immer tiefer durch unser gruenes Zelt.
Und dann sah ich sie.
Direkt am Weg.
Eine Kugelbahn!
Natuerlich mussten wir anhalten.
Wir nahmen drei Kugeln aus dem Korb, setzten sie oben auf die Bahn und liessen sie gleichzeitig los.
Los!
Die Kugeln ratterten ueber das Holz und wir rannten hinterher.
“Welche gewinnt?!”
Schneller!
Noch schneller!
Und wer gewonnen hat?
Das verrate ich euch nicht.
Denn eine Runde reichte sowieso nicht.
Und zwei auch nicht.
Irgendwann mussten wir uns trotzdem von der Kugelbahn verabschieden.
Denn vor uns wartete schon das naechste Abenteuer.
Eine Haengeseilbruecke.
Sie wackelte.
Sie schaukelte.
Und genau deshalb musste ich natuerlich rueber.
Und wieder zurueck.
Und vielleicht noch einmal.
Papa fand das ein bisschen weniger lustig.
“Ich hasse euch…”
Dabei musste er selber lachen.
Denn Papa hatte nicht nur seine Hoehenangst dabei.
Er hatte irgendwann auch noch Nala auf dem Arm.
Die Abstaende zwischen den Stufen waren fuer ihre Pfoten einfach zu gross.
Also musste Papa mit Nala ueber die wackelige Bruecke.
Und wir?
Wir hatten unseren Spass.
Sehr grossen Spass.
Danach ging es weiter.
Schritt fuer Schritt.
Durch nasse Blaetter.
Ueber Holzwege.
Unter alten Baeumen hindurch.
Und irgendwann dachte ich gar nicht mehr darueber nach, wohin wir eigentlich liefen.
Das war auch egal.
Mama war da.
Papa war da.
Nala war da.
Und um uns herum war nur Wald.
Manchmal braucht ein Abenteuer vielleicht gar kein grosses Ziel.
Keine Achterbahn.
Kein teures Ticket.
Und keinen Ort, den jeder kennt.
Manchmal braucht es nur einen Weg, ein paar Steine, drei Kugeln und Menschen, mit denen man gerne unterwegs ist.
Und einen Papa, den man trotz Hoehenangst mehrmals ueber eine Haengeseilbruecke schickt.
Der Wald hat an diesem Tag nichts von uns verlangt.
Wir durften einfach da sein.
Laufen.
Lachen.
Entdecken.
Und als wir irgendwann wieder Richtung Abenteuerauto gingen, wusste ich:
Nach all den Regentagen hatten wir genau das gebraucht.
Ein bisschen Wald.
Ein bisschen Freiheit.
Und ganz viel Wir.
Vielleicht wartet dort draussen gar nicht immer das grosse Abenteuer auf uns.
Vielleicht wird es erst zu einem, wenn wir es gemeinsam erleben.
Bis zum naechsten Abenteuer.
Viel Liebe
Euer Ragnar
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