top of page
22222.png

Der Junge und die Libelle

  • 13. Juli
  • 4 Min. Lesezeit

Aktualisiert: 14. Juli


Es ist einer dieser typischen Sommertage. Schon morgens ist es so warm, dass man eigentlich gar keine Lust hat, etwas zu unternehmen. Doch das gibt es bei uns nicht. Papa, Mama, Alva und ich sind schon früh aufgebrochen, um die Eifel wieder ein wenig unsicher zu machen.


Unser Abenteuer beginnt heute am Kloster Maria Martental. Versteckt zwischen den Bäumen und von der Natur umgeben ist dieser Ort allein schon einen Ausflug wert. Doch unser eigentliches Ziel liegt irgendwo in den Wäldern rundherum.

Also machen wir uns auf den Weg.


Während wir das Kloster hinter uns lassen, begegnen uns immer wieder alte Heiligenbilder von Jesus. Ich lächle ihm zu und nicke kurz. Mama und Papa sehen mich an und schmunzeln, sagen aber nichts.


Je weiter wir laufen, desto dichter wird der Wald. Die hohen Bäume spenden angenehmen Schatten und beschützen uns vor der heißen Sommersonne. Schritt für Schritt führt uns der Weg immer tiefer hinunter.


Plötzlich höre ich ein leises Rauschen.

Wasser?

Ein Bach?


Neugierig biegen wir noch vor unserem eigentlichen Ziel vom Weg ab und machen eine kleine Pause direkt am Ufer. Außer uns ist niemand hier. Nur das Wasser, die Vögel und das leise Rascheln der Blätter.


Papa hebt einen flachen Stein auf und wirft ihn immer wieder in seiner Hand hoch.


„Na, Raggi … was meinst du? Wie oft schaffe ich ihn über das Wasser hüpfen zu lassen?”

Jetzt weiß ich sofort, was er meint.


„Ich schaffe mehr!”, antworte ich lachend und suche mir die schönsten flachen Steine, die ich finden kann.

Und schon beginnt unser kleiner Wettkampf.


„Ja! Drei Mal!”, rufe ich stolz und renne direkt los, um den nächsten perfekten Stein zu finden.

Wir lassen Steine über das Wasser springen.


Habt ihr das schon einmal gemacht?

Wenn nicht, solltet ihr es unbedingt ausprobieren.

Man vergisst dabei einfach alles.


Die Zeit vergeht wie im Flug. Alva liegt auf ihrer Krabbeldecke und schaut uns lachend zu, während Mama neben ihr sitzt.

In solchen Momenten merke ich immer wieder, wie wenig es eigentlich braucht, um glücklich zu sein.

Natur.


Die Menschen, die man liebt.

Und Zeit miteinander.

Mehr braucht es manchmal gar nicht.


Mama und Alva bleiben noch einen Moment am Bach, während Papa und ich schon das nächste Ziel vor Augen haben.


Wir folgen dem Rauschen des Wassers.

Den Wasserfall.


Über einen kleinen Pfad laufen wir weiter bergab. Unten angekommen sind wir fast allein.

Und dann sehen wir ihn.


Den Wasserfall „Rausch”.


Seinen Namen trägt er wirklich zu Recht.

Papa zieht seine Schuhe aus und grinst mich an.


„Na? Angsthase? Keine Lust?”


Natürlich lasse ich mir das keine zwei Mal sagen. In Windeseile fliegen Schuhe und Socken zur Seite und ich laufe hinter Papa her.


Das Wasser ist eiskalt.

Aber glasklar.


Überall liegen große und kleine Steine auf dem Grund. Barfuß bahnen wir uns vorsichtig unseren Weg bis direkt vor den Wasserfall.


Die nackten Füße klettern über die riesigen Felsen.

Dann bleiben wir beide plötzlich stehen.

Ich lehne meinen Kopf an Papas Hüfte.

Wir sagen nichts.


Wir schauen einfach nur auf das Wasser.

Und lächeln.

Genau solche Momente machen das Leben doch aus, oder?

Wir laufen weiter durch den Bach.

Plötzlich entdecke ich etwas aus dem Augenwinkel.

Libellen.


Wunderschön blau schimmern sie über dem Wasser.

„Wow, schau mal, Papa!”

„Wunderschön, oder, Ragnar?”


Ich nicke nur und beobachte fasziniert ihren Flug.

Schließlich landet eine der Libellen auf einem grünen Blatt am Ufer.


Wir bleiben mit etwas Abstand stehen.

„Möchtest du, dass sie auf deine Hand kommt?”

„Na klar!”


Papa zeigt mir langsam, wie ich meine Hand ruhig und geöffnet ausstrecken soll.


Ich mache genau das.


Doch die Libelle fliegt wieder davon.

„Hab Geduld, mein Schatz”, sagt Papa leise. „Sie weiß noch nicht, ob sie dir vertrauen kann.”


Ich nicke.


Und bleibe einfach stehen.

Minute um Minute vergeht.


Immer wieder fliegt sie an uns vorbei.

Immer wieder setzt sie sich auf denselben Busch.


Und jedes Mal halte ich meine Hand ganz ruhig.

„Siehst du?”, sagt Papa leise. „Sie merkt langsam, dass wir ihr nichts tun.”


Ich lächle und schaue dieses wunderschöne kleine Wesen einfach nur an.


Dann hebt sie erneut ab.

Eine Runde.


Noch eine.

Sie kommt immer näher.

Noch näher.


Und plötzlich landet sie.

Auf meiner Hand.

„Papa! Papa! Papa!”


Er grinst nur.


„Siehst du? Jetzt hast du einen kleinen Freund gefunden.”


Vorsichtig hebe ich meinen Arm an und betrachte sie aus der Nähe.


Was für riesige Augen.


Wie wunderschön sie aussieht.


„Hallo, kleine Libelle. Ich bin Ragnar. Danke, dass du mir vertraust.”


Ich lächle.

Und nach einer ganzen Weile hebt sie wieder ab.

Ich suche sie überall.


„Suchst du deinen Freund?”, fragt Papa.

Ich nicke.



Papa macht ein Foto von mir und zeigt es mir.

Sofort muss ich lachen.


Sie ist gar nicht weggeflogen.

Sie sitzt einfach oben auf meinem Kopf.

Wir vergessen alles um uns herum.


Sogar die alten Ruinen auf der anderen Seite des Baches, die eigentlich unser Ziel waren.

Doch dieser Moment ist viel wertvoller.


„Weißt du eigentlich, warum sie zu dir gekommen ist?”, fragt Papa.

„Weil sie mir vertraut?”

Papa nickt.

Dann legt er seine Hand auf mein Herz.

„Ja. Aber auch, weil Tiere oft spüren, wie ein Mensch wirklich ist.”


Ich schaue auf das Wasser.

Und irgendwie fühlt sich dieser Moment ganz besonders an.

Langsam kommen immer mehr Menschen zum Wasserfall.

Doch wisst ihr was?


Wir haben sie kaum bemerkt.

Denn in diesem Moment ging es nicht um den Wasserfall.

Nicht um die Ruinen.


Nicht einmal um das nächste Abenteuer.

Es ging nur um uns.

Und um einen kleinen blauen Freund.


Mit einem letzten Blick auf die Ruinen machen wir uns schließlich auf den Rückweg. Mama kommt uns gemeinsam mit Alva langsam den Pfad hinunter entgegen.

Die Eifel hat uns heute wieder gezeigt, dass die größte Magie oft dort zu finden ist, wo man sie gar nicht sucht.


Manchmal fahren wir los, um Wasserfälle, Burgen oder Ruinen zu entdecken.

Doch an diesem Tag war das größte Abenteuer eine kleine Libelle, die sich entschied, mir zu vertrauen.

Vielleicht sind genau das die Erinnerungen, die für immer bleiben.


Geht hinaus.

Genießt die Natur.

Nehmt euch Zeit für die Menschen, die ihr liebt.

Denn genau dort entstehen die schönsten Abenteuer.

In diesem Sinne …


Viel Liebe an jeden von euch.


Euer Ragnar


_______________



 
 
 

Kommentare


bottom of page